Ein langer Weg zur nationalen Aussöhnung – Hintergründe 1

In der letzten reichlichen Woche wurde die Öffentlichkeit in Kenias und auch in anderen Teilen der Welt wieder an die Unruhen nach den letzten Wahlen in Kenia 2007/2008 verstärkt erinnert, da der Chefankläger Herr Luis Moreno Ocampo des Internationalen Gerichtshof (ICC) in den Haag die Namen der Verdächtigen an den Gewalttaten am Mittwoch den 15.12. veröffentlicht hat. Im Parlament und in der Öffentlichkeit laufen seitdem kontroverse Diskussionen über die Auslieferung und Verteidigung der genannten Personen, die sich teilweise öffentlich als zu Unrecht beschuldigt darstellen.

Wir haben uns angewöhnt alles zu vereinfachen so auch in dieser Beziehung. Sechs Personen werden unter Generalverdacht gestellt, für über tausend Tote und hunderttausende Vertriebene verantwortlich zu sein. Das Damoklesschwert schwebte schon ein reichliches halbes Jahr über dem Land und es schon längere Zeit gemutmaßt, das die Gewalttaten auf höchster Ebene vorbereitet wurden um den jeweiligen Gegner einzuschüchtern. Dies gilt sicher für beide Seiten für die damalige  Regierungs- und Oppositionspartei. Ein Prozeß der nationalen Aufarbeitung ist trotz Versuchen von NGO’s so gut wie nicht in Gang gekommen. Trotz aller Verurteilung der Geschehnisse sollten wir uns nicht anmaßen, über eine Situation zu richten, die wir, die zivilisierte Welt, mit heraufbeschworen und durch das Streben nach neuen Märkten, also dem Profitstreben verstärkt zu haben, statt die Kräfte zu unterstützen, die den Weg einer nationalen Verständigung über das Geschehene beschreiten.

Zur Zeit des Wahlkampfes hielt ich mich in Kenia auf und war oft Gast in der „Falcony Bar“ in Malindi, ein Ort der sich aus vielen Gründen lohnt aufzusuchen, wenn man als Tourist diese Stadt besucht. Ich war dort oft Augen- und Ohrenzeuge von sehr emotionalen Diskussionen im Vorfeld der Wahlen. Omar (Name leicht geändert), ein junge sympathischer Computerlehrer, der aus unseren Computerschrott „PC’s for Africa“ wahre Wunderwerke zusammenschraubte, war ein glühender Vertreter der neuen Demokratiebewegung, der Orange Democratic Movement Partei (OMD), die sich gegen die Bevorteilung von bestimmten Stämmen, Verringerung der Korruption, bessere Bildungschancen  und vielen mehr einsetzte, die die Entwicklung des Landes bremsen. Was aus ihm geworden ist, entzieht sich meiner Kenntnis, da der Kontakt nach der „post election violence“ abgebrochen ist. Gründe dafür gibt es in Afrika sehr viele und ich hoffe, das nicht das Schlimmste zutrifft, das er auch ein Opfer der gewalttätigen Auseinandersetzungen geworden ist.

Um diese Auseinandersetzung aber in seiner ganzen Komplexität versuchen zu verstehen, kann man nicht nur die Ereignisse um den fragwürdigen Wahlausgang und die zweifelhafte Amtbestätigung durch den Ministerpräsidenten Herrn Kibaki betrachten, die in einigen Regionen zu regelrechten Strafexpeditionen von Stammesangehörigen der Kikuju geführt hatten. Um den Hintergrund dieses Konfliktes zu verstehen, muß man ein Blick in die Geschichte unternehmen und wissen, das in Afrika die Geschichte nicht nur in leblosen Lehrbüchern steht, sondern vorrangig mündlich überliefert wird. Die Geschichte in Afrika lebt. Europäer, und nicht zuletzt wir Deutschen haben vor reichlich 130 Jahren zu dem Unfrieden beigetragen, weil die Europäer ganz Afrika ein Machtbereiche aufteilten und dabei auf  Tradition und nomadisierende Lebensweise der Einheimischen keine Rücksicht nahmen, die mit den großen Herden von Rift Valley bis in die Seringeti zogen. Gerechter Weise muß hinzugefügt werden, das schon vor der Entdeckung Ostafrikas durch den Portugiesen da Gama, viele afrikanische Stämme, nicht Herr in ihrem Lande waren, da sie schon mehre Jahrhunderte durch arabische Völker unterdrückt wurden und durch die jetzige Bevölkerungsexplosion zusätzliche Spannungen entstanden sind. Es würde zu weit führen das zu beleuchten, aber der afrikanische Kontinent ist nur für uns ein geschichtlich unbeschriebenes Blatt.

Um auf den Ausgangspunkt zurückzukommen, ist es heute in einem Land mit dieser Vergangenheit fast unvorstellbar eine demokratische Staatsführung durchzusetzen in den fast fünfzig verschieden Sprachen gesprochen werden. Zum Zeitpunkt der Wahlen standen sich zwei Vertreter der größten Clans gegenüber, der amtierende Präsident Herr Mwai Kibaki aus dem Volk der Kikuju und der Oppositionführer und heutige Primierminister Herr Raila Odinga aus dem Stamm der Lou. Nach der Erlangung der Unabhänigkeit, 1963 hat das Land eine rasante Entwicklung genommen, in der sich das Leben für viele Afrikaner grundlegend geändert hat. Kenia hatte sich zum Vorzeigestaat auf dem Kontinent entwickelt. Auch wenn es zu den reicheren Ländern gehört, ist ein menschenwürdiges Leben für die überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung ein Traum geblieben und viele Bewohner setzten große Hoffnungen vor nun mehr zwei Jahren  in die OMD.

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