Besuchen Sie Europa, so lange es noch lebt

Sicherlich werden jetzt viele denken, das ich mit der Überschrift auf die leidgeprüften Mitbürger anspielen möchte, die durch das Hochwasser an Rhein, Elbe und Elster arg in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Ein gute Nachricht vorn weg, es zieht sich erst einmal wieder zurück, das Hochwasser. Ob wir damit dann für eine längere Zeit davon verschont bleiben, wage ich zu bezweifeln. Außer die Dämme noch höher zu bauen, sind wir bis jetzt auf keine besseren Ideen gekommen. Flüsse sind auch in einer modernen Gesellschaft keine Autobahnen und benötigen dem ihr, der Natur, gebührenden Respekt und Platz.

Aber davon wollte ich eigentlich nicht berichten. Es geht mir um die schwarzen Löcher, die sich rasant immer mehr ausbreiten und den Schein der langsam sich entfaltenden Leuchtturmkultur im Osten absaugen. Jetzt werden sie fragen, was schwarze Löcher auf der Erde. Ich meine sie im übertragenen Sinne, das anfangs schleichende und jetzt in rasantem Tempo Aussterben ganzer Landstriche. So lang man(n) davon nicht betroffen ist, scheint dies eine Nachricht zu sein, die sicherlich schnell überlesen wird.

Das ich in eine strukturschwache Region, wie es unsere Politprominenz bezeichnen würde, zurück gesiedelt bin, war mir durch aus bewußt, als ich die Tür meines ehemaligen Eltenhauses aufschloß, um mich hier wieder, nach über 30 Jahren, einzurichten. Es ist noch (un)zumutbar, das ich sehr lange Wege zur Arbeit auf mich nehmen muß. Anfangs stellte ich gelegentlich bei einem Bummel durch die Stadt fest, das dieser oder jener Laden nicht mehr existierte und das ich in die Kreisstadt fahren mußte, um mir im Kino einen Film anzusehen. Das war eher noch wie ein Wetterleuchten, das vielleicht ein herannahendes Gewitter ankündigt. Dann wurde im Zuge der Globalisierung das Betonwerk nach Rumänien verlegt. Wenige Zeit später wurde die Bundeswehrkaserne in weiser Voraussicht, das es drei Jahre später keine Wehrpflicht mehr geben würde, geschlossen. Damit begann die Talfahrt. Wenn ich jetzt nach einem Arbeitsaufenthalt nach Haus komme, erfahre ich, das dieses Geschäft oder jener Betrieb Insolvenz anmelden mußte und sehe das auch in den letzten Kneipen das Licht am Abend nicht mehr angeht. Es vergeht keine Rückkehr mehr ohne eine solche Hiobsbotschaft.

Nicht das diese Kleinstadt, mit ihrem durchaus reichen 900 jährigen geschichtlichen Hintergrund, die einmal die Endhaltestelle der Berliner S-Bahn war, nichts zu bieten hätte. Auch haben  Architekten und Bauunternehmen keine Mühe und Steuergelder gescheut, um dieser ehrwürdigen Stadt ein entsprechendes Antlitz zu geben. aber was nützen die herrlich neu angelegten Straßen, wenn Häuser unbewohnt sind und die Läden geschlossen bleiben. Auch Tourismus funktioniert nur, wenn gewisse Strukturen noch vorhanden sind.

Sicherlich ist es falsch zu behaupten, das dies alles ein „Nachwendeprodukt“ ist, denn auch zu DDR-Zeiten war die Landflucht, umsonst kehrte ja auch ich nicht erst nach so langer Zeit  in die Region meiner Kindheit zurück, schon ein Sachverhalt der die Infrastruktur hier stark schwächte. Auch Partei- und Jugendverbandsinitiativen waren eher nur ein Tropfen auf den heißen Stein und bissen sich an Besagten die Zähne aus. Wenn ich in einer Diskussion mal den Slogan „stellt euch vor, es sind Wahlen und keiner geht hin“ in den Raum gestellt hatte, bekommt er in diesen Zusammenhang eine sehr realistische Bedeutung. Kinder die unter so herrlich ruhigen und gesunden Verhältnissen aufwachsen, haben dann als Schulkind große Strecken zurück zulegen. Nachdem sie diese verlassen haben, werden auch sie, diesen Landstrich ihren Rücken zukehren, wenn uns nichts Besseres einfällt. Der jetzige noch florierende Markt der Altenbetreuung, mit den vielen neu geschaffenen Einrichtungen steht in 10 Jahren leer, weil es keine Senioren mehr geben wird und der Wind streift durch die leeren Straßen, wirbelt den Staub auf, wie in einem schlechten Western. „Spiel mir das Lied von Tod Harmonika“ oder hat das Land noch eine Chance?

In einer Zeit, wo praktisch jede Bürotätigkeit Dank Internet und Laptop von zu Hause ausgeführt werden kann, gibt es da nicht Chancen für eine Renaissance des ländlichen Raums oder haben unsere Sicherheitsexperten womöglich Angst vor vielen Parallelgesellschaften?

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Über muzungumike

Interesse an internationalen Ereignissen, die wenig oder keine Beachtung in der Medienwelt finden, z.B. reale Entwicklungshilfe, lustige Anekdoten, Länderkunde etc.
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2 Antworten zu Besuchen Sie Europa, so lange es noch lebt

  1. mzungumike schreibt:

    Hallo Martin,
    ich weiß es ist kein ostdeutsches Phänomen, nur haben zum Beispiel in der Lausitz zwei Dinge ungünstig zusammen gespielt, die Landflucht in den letzten Jahren vor der Einheit sowie der fast vollständige Zusammenbruch aller Betriebe und landwirtschaftlichen Genossenschaften. Doberlug Kirchhain hat heute nach allen Eingemeindungen weniger Einwohner als vor der Wende und trotz Abwanderung 25-28% Arbeitslose. Ich bin der Überzeugung, das Land hat eine große Chance, nur sie muß gewollt werden. Da müssen die Steuern anders verteilt werden, Wahlpartys nicht aus Steuergelder finanziert werden, Kosten-Nutzen durch Bürgerinitiativen überprüft werden etc…. Hier gibt es auch so viele Linkswähler, weil die Linke auf kommunaler Ebene doch Zeichen gesetzt hat.
    Übrigens sind wir mit dem Problem wirklich nicht allein, auch die Entwicklungsländer z.B. Kenia sehen sich der gleichen Situation ausgesetzt. So etwas wie Landläden findest Du dort schon fast in jedem Village. Da kann man durch Vorsprung wirklich Entwicklungshilfe leisten, Kibera (Nairobi), größer Slum Afrikas, nimmt jedes Jahr um ca. 50 bis 100 tausend Menschen zu. Viele Grüße mike

  2. Martin Bartonitz schreibt:

    Rund um Kassel gibt es auch wie die von Dir beschriebene Strukturschwache Region. Dort scheinen sich mehr und mehr Kooperativen zu bilden, um das Weichen der Firmenketten aufzufangen. Vielleicht ist es das, was gebraucht wird:
    Sich zu eigenen „Unternehmern“ zusammenzuschließen, um das Lebensnotwendige für einander zu organisieren?
    Siehe http://faszinationmensch.wordpress.com/2011/01/19/wirtschaften-fur-die-gemeinschaft-alternativen-zur-gewinnmaximierung/
    Wenn man bedenkt, dass noch vor 200 Jahren 95% der Bevölkerung auf dem Land lebte …

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