Randgruppen in der DDR – Pfingsttreffen 1989 – Denkmal für einen unbekannten Unbequemen

Es ist nun schon viele Jahre her und ich könnte das geflügelte Wort, es war einmal, benutzen. Um genau zu sein ist diese Geschichte jetzt 22 Jahre her und hat sich so, wie ich sie schildere, zu getragen. In regelmäßigen Abständen veranstaltete die „Freie Deutsche Jugend“ die „Pfingsttreffen der FDJ“ und so kam es, das im Jahr vor der Auflösung der DDR wieder einmal, es sollte das letzte sein, wie sich danach herausstellte, das Treffen in Berlin stattfand. Viele Band’s traten an verschiedenen Stellen in Berlin auf. Aber neben dem Hauptattraktivitäten fanden mehr zurück gezogen auch viele andere interessante Veranstaltungen statt. Da ich selbst zur schreibenden Zunft der jungen, wilden Literaten gehörte, hatten mich Freunde überrascht und mir eine Karte für die Staatsbibliothek unter den Linden besorgt, wo junge Schriftsteller aus ihren Werken vorlasen. Ich werde diesen Tag mein ganzes Leben nicht vergessen. Es war trübes Wetter und ich war froh, das ich mich nach einem Kaffee, der fürchterlich schmeckte, in die Staatsbibo zurück ziehen konnte. Als ich in den Hörsaal eintrat, war er schon fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Als ich einen Platz ergattert hatte, blickte ich mich um. Ich mußte feststellen, das bei den meisten Männer die Knopfleiste des FDJ-Hemdes schon mächtig stramm saß, Berufsjugendliche, die hauptamtlich im Jugendverband arbeiteten und schon ganz schön in die Jahre gekommen waren. Aus heutiger Sicht muß ich sagen, hatten sich wahrscheinlich auch einige Stasileute unter der Maskerade versteckt.

Es war schon von der gesamten Situation ein sehr groteskes Bild. Auf der einen Seite saßen auf dem Podium die drei oder vier Nachwuchsschriftsteller und auf der anderen Seite überragten die Reihen, einer Arena gleich, der Zuhörer weit die Kopfhöhe der Vorleser, so das diese, wenn sie Fragen beantworteten, weit nach oben schauen mußten. Ich kann mich nicht mehr an alle Geschichten erinnern, aber zwei sind mir im Gedächtnis haften geblieben und ich will kurz auf sie eingehen, damit die Pointe deutlich wird.

Die Erste ist mir sicherlich wegen der sehr lustigen Handlung in Erinnerung geblieben. In ihr bricht ein Alkoholiker aus der Entziehungsanstalt aus, weil er den Kommunismus ausrufen will. Auf diese möchte ich nicht näher eingehen. Aber die Zweite, die traf mich selbst, denn ich war selbst Familienvater und ich entdeckte mich teilweise in ihr wieder. Sie handelte vom Alltag einer Arbeiterfamilie und ihren Gewohnheiten aus der Sicht ihrer beiden Kinder. Die Familie hatte zwei Söhne. Der Ältere ging schon in die Schule und mußte auf den Jüngeren aufpassen, der gerade in der Vorschule gekommen war,  da beide Eltern berufstätig waren. Das war genau meine Situation. Gegen 16.00 Uhr kam der Vater von der Arbeit nach Hause und wollte, weil er müde von der Schicht war, nicht gestört werden und legte sich im Wohnzimmer auf Sofa. Mutter kam noch später nach Haus. Der jüngere Sohn hatte gerade die Streichhölzer als interessantes Objekt entdeckt, da sie oft als Zählstäbchen zu hause benutz wurden. So kam es dann das er begann zu zündeln. Es dauerte nicht lange und das Heft was er vor sich hatte, begann zu brennen. Durch die Versuche der Größeren die Flammen auszuschlagen, wurde das Feuer noch verstärkt, so das es nach einander, das ganze Heft und die Tischdecke erfaßte. Da der Älter sich keine andere Möglichkeit mehr sah, zog er seinen Bruder aus dem Kinderzimmer und zog ihn an, um die Wohung zu verlassen. Auf die Frage des Jüngeren: „Was ist mit Vater?“, antwortete er: „Pst der schläft, den dürfen wir nicht stören.“

Damit endete die Geschichte. Im Hörsaal hätte man eine Stecknadel fallen hören können, so still war es. Mir wurden in diesem Augenblick viele meiner Verfehlungen gegenüber meinen Kindern gegenüber bewußt. Da stand oben in den letzten Reihen ein besonders prächtiges Exemplar der Berufsjugend auf, denn sein Hemd mußte sichtbar alle Mühe auf bringen, den dahinterliegenden Bauch noch als Hülle zu dienen und fragte, „warum die jungen Literaten immer nur über Randgruppen schreiben müßten“. Wieder trat jene eisige Stille in den Raum, das man kaum sich wagte, tief Luft zu holen. Letzter kleinwüchsiger Vorleser schaute von unten über die Rand seiner Brille, die mich an Reinhard May erinnerte, den über ihm thronenden Rivalen an, ließ einige Zeit verstreichen und stellte die Gegenfrage, „und Du glaubst normal zu sein?“ er setzte hinzu: „selbst das Zentralkomitee (der Parteivorstand) der SED ist genaugenommen eine Randgruppe!“

 

Quelle: Wikipedia Innenhof der Staatsbibliothek Berin

Damit endete die Diskussion abrupt. Ich saß mit jenem Literaten, seinen Namen habe ich leider vergessen, noch eine Weile unter seinem großen Schirm bei leichten Nieselregen im Innenhof der Staatsbibliothek und trank noch einen Kaffee. An das Gespräch kann ich mich nicht mehr erinnern. Auch weiß ich nicht was aus diesem mutigen Mitmenschen geworden ist. Kurz danach begannen die Montagsdemos und nicht einmal ein halbes Jahr später überquerten die ersten DDR-Bürger die deutsch-deutsche Grenze. Aber dieser Moment, sich auch einer übermächtigen Macht gegenüber zur Wehr zusetzen, wenn man davon überzeugt ist, hat sich bei mir tief eingebrannt.

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