30 Jahre hier + 30 Jahre dort – Lebensreise einer Künstlerin

Vor einer Woche, am 18.03.11, wurde in Wächterhaus „Goldene Rose“ in der Ranischen Straße zu Halle die Bilderausstellung der Künstlerin Barbara Trapp eröffnet, die noch bis zum 8. April zu sehen sein wird.

Ich hatte mich eingefunden, weil ich als „Mithauswächter“ neben den ausgestellten Bildern auch den Liedermacher Stephan Krawczyk hören wollte. Er war vor dreiundzwanzig Jahren aus der damaligen DDR ausgebürgert worden. Praktisch gesehen übertrifft dies die heutige Abschiebepraxis eines „unliebsamen Ausländers“, weil es ja das Verlassen der Heimat und damit die Entwurzelung eines Menschen zur Folge hat. Sicherlich sind dies Gefühle, die in der heutigen realen Welt der erzwungenen Mobilität, für viele kaum noch von Bedeutung sind, aber doch gerade auch viele Einzelschicksale hier im Osten betrifft.

Als ich eintrat, war ich über die aufgehängten Miniaturgemälde sehr positiv überrascht. Ich gebe es zu, die Künstlerin war mir bis dato kein Begriff. In faszinierenden Farben wunderschöne Bilder, hauptsächlich Aquarelle, einer Größe, die in der immer mehr monumental werdenden Kunst, eher die Ausnahme darstellen, gestaltet sie Szenen des Alltags und der Phantasie. In der Herzlichkeit wie sie von vielen Vernissagebesuchern begrüßt wurde, erschloß sich für mich, das sie hier in Halle durchaus keine Unbekannte war. Wie ich später durch die Einführung durch ihren Mann Dr. Christian Trapp erfahren sollte, hatte sie hier in Halle an der „Burg“ ihren Grobschliff erfahren, wie er es so treffend nannte. Seine Ansprache war es für mich, das dieser Eröffungsabend mehr als nur die Vorstellung eines Lebenwerkes einer sehr angenehmen, einfühlsamen Künstlerin wurde, der Parallelen zu dem Alltag zog, aus den die Motive entstammen, die sie über die Jahre in ihren Bildern festgehalten hat. Aus diesem Grund erlaube ich mir, seine Einführung fast ungekürzt hier zu veröffentlichen, die mehr Zeugnis über die Befindlichkeiten der Künstlerin Barbara Trapp und von hier und dort legen.

Das von mir im letzten Jahr kreierte Ausstellungsthema

60 Jahre / 30 Jahre hier + 30  Jahre dort

„ein Ausschnitt deutsch/deutscher und deutscher Geschichte“

erfuhr bei der praktischen Umsetzung der Ausstellungsvorbereitung eine für mich – von dort kommend – doch überaschende Veränderung, als dass der Titel, wie Ihnen wahrscheinlich nicht auffällig, plötzlich durch einen lieben Bürger und Freund  – von hier kommend aus – hier + dort ein Ost + West werden ließ. Auch der bewusst formulierte Ausschnitt aus deutsch/deutscher und deutscher Geschichte hatte keinen Bestand mehr. Bei der gewählten Formulierung ging es nicht um eine Politisierung einer weniger politischen Künstlerin, als vielmehr um den Versuch der Beschreibung eines Zeitabschnittes der deutschen Geschichte, wo die Menschen meist ein Spielball der Politik waren, aber auch die Menschen und nicht nur die Politik deutsch/deutsche und deutsche Geschichte geschrieben haben.

Aus eigener 36-jähriger Erfahrung im „Bollwerk“ der Freiheit, der Frontstadt Berlin (West) bin ich heute, 20 Jahre nach der Wiedervereinigung, immer wieder erstaunt, ja ein wenig erschrocken, welch unterschiedliche Wahrnehmung in den Köpfen noch immer besteht. Dies gilt sowohl, für die Bürgerinnen und Bürger von dort, die zu einem sehr hohen Prozentanteil noch nie hier waren, als auch Teile der Einwohnerinnen und Einwohner von hier, die aufgrund von Enttäuschungen und persönlichen Erfahrungen, z.T. in glorifizierenden Erinnerungen in der Vergangenheit leben. Je länger zurück, umso schöner!

Aber es gibt natürlich noch mehr Gründe!

Wie kann es sein, das es mehr als 20 Jahre nach der Einheit noch immer kein einheitliches Lohn- und Rentenniveau gibt?

Wie kann es sein, dass Mio. an Subventionen für Ansiedlungen von Betrieben und Schaffung von Arbeitsplätzen kassiert wurden, die aber offensichtlich nur wenigen – wohl überwiegend von dort –  zu Wohlstand und Vermögen verholfen haben, und das zu Lasten der Allgemeinheit?

Das sind Fragestellungen, wo die Politik keine bzw. bisher zu wenig Antworten liefert, hier ist nicht nur in den KÖPFEN noch viel zu tun.

Die BILDER der Ausstellung erläutern und reflektieren Teile des künstlerischen Werkes der Malerin. Gleichzeitig dokumentieren sie ein STÜCK LebensGESCHICHTE, das mitgeprägt ist von der jüngeren deutschen Nachkriegsgeschichte.

Hier, nicht weit von Halle, feierte sie vor kurzem ihren 60. Geburtstag. Gleichzeitig in diesem Jahr ging sie vor 30 Jahren fort von hier nach dort – in den Westen, wo sie heute lebt.

30 Jahre hier – das Licht der Welt in Leipzig erblickt, aufgewachsen im Kohrener Land, Schulzeit und Abitur in Geithain, nachfolgend als Kind eines selbständigen Handwerksmeisters, nicht aus der „Arbeiter- und Bauernklasse“ kommend, zum Studium an der Burg Giebichenstein mit Abschluss des Studiums als Dipl.-Industriedesignerin.

Ihre künstlerische Begabung bekam an der Burg durch die intensivere Vermittlung der handwerklich-künstlerischen Grundlagen zunächst einen Grobschliff. In projektorientierten Arbeiten folgte der Feinschliff, die Beide in den Bildern in der Komposition der Farben und der gezielten Anordnung der Formen erkennbar sind.

Abschlussarbeit an der Burg ein „gefächerten“ Schulranzen, und das Jahre bevor „Scouts“ und „Eastpacks“ die Kinderzimmer eroberten. Die Umsetzung scheiterte an fehlendem Plaste und Beschlägen.

Nach Studium Arbeit im Staatlichen Modeinstitut der DDR inhaltlich  hauptsächlich beschäftigt mit der westlichen Schuh- und Lederwarenmode und der Gestaltung West-Export-geeigneter Produkte – immer unter dem Gesichtspunkt der vorhandenen Materialressourcen.

Nach 30 Lebensjahren wechselte sie der Liebe wegen von hier nach dort. Zunächst von Berlin-Ost nach Berlin-West. Damals, im Jahr 1980, kein Wechsel innerhalb einer Stadt, es war ein Wechsel der Welten. Aus dem wohlbehüteten „realen Sozialismus“ in die ellbogenorientierte und harte Gesellschaft des Kapitalismus. Vor dem nicht einfachen Wechsel – hier – druckvolle „Firmen“- Kontakte mit der Staatsmacht, aber nachfolgend auch dort Berührungen mit dem Staatsschutz.

Nach Hochzeit und Geburt des Sohnes Max, 9 Jahre später, im Jahr 1989, noch vor der Wiedervereinigung, selbst weiter nach Baden in den Südwesten der Republik.

30 Jahre dort – in Berlin (West) erste Kontakte mit der Arbeitswelt durch Gelegenheitsjobs und Fortbildungen, einem Instrument des Arbeitsmarktes. Nach kurzer, aber lang empfundener Zeit, ging es in den ausgebildeten Beruf, diesmal aber als Lehrende. Mehreren Lehraufträgen folgte eine Anstellung als wissenschaftlich-künstlerische Mitarbeiterin im Fachbereich Design der HdK Berlin (West). Unterschiede in der studentischen Ausbildung – hier das verschulte, harte Grundlagenstudium – dort die offenere Ausbildung mit scheinbar unendlichen Freiheiten. In dieser Zeit der Beginn erster eigener freier künstlerischer Versuche in einer völlig anderen Kunstwelt.

Im Jahr 1983 erste Teilnahme an der Freien Berliner Kunstausstellung unter dem Funkturm. 1985 Geburt des Sohnes Max. Nun verstärkte freiberufliche künstlerische Tätigkeit. Anfänglich Collagen, zunächst Textil, dann Papier, die mit aller Deutlichkeit die Eindrücke einer anscheinend zügellosen Welt offenbaren.

Erste öffentliche Ankäufe, Intensivierung der Malerei, Verfeinern des Umgangs mit Farben, meisterhafte, aber untypische Aquarelltechnik. Entwickeln eigener Techniken mit unterschiedlichen Materialien und Untergründen – hin zu kraftvollen Farben. Mit der Miniaturisierung, d.h. kleine und Kleinstformate, das Eröffnen eines Mikrokosmos, in dem sie sich mitunter auch heute noch schon mal verliert. Vermitteln von Stimmungen mit Farbe und Konturen in den Landschaftsmotiven, die oft die mitteldeutsche Landschaft von hier beinhalten. Das heißt nun auch Mecklenburg, Ostsee und Hiddensee. Oft schimmert die Sehnsucht in der zarten Farbigkeit hindurch, ergänzt um eine Romantik, wie sie wohl nur noch imaginär stattfindet. Ihre Malerei zeigt Landschaften in ihrer ganzen Räumlichkeit und projiziert diese in die malerische Ebene. – Kunst kennt keine Grenzen – Häufig bringt sie ihre Stimmungen und Gefühle mit einer ihr eigenen Leichtigkeit zu Papier.

Im Anschluß kam der  Liedermacher und Buchautor Stephan Krawczyk eher bescheiden und leise mit sehr einfühlsamen Lieder und Texten daher. Ein Abend zum Innehalten, eine rundherum gelungene Veranstaltung und ich möchte mich auch im Namen des Hauses bei allen Beteiligten bedanken.

Vor einem Jahr begannen wir gerade, hier den Verfall zu stoppen und die „Rose“ wieder zum Erblühen zu bringen. Mit Veranstaltung dieser Art wird auch der Leerstand in den Köpfen in Angriff genommen.

Die Ausstellung kann bis zum 8. April 2011 jeweils Dienstag bis Freitag von 14.00 – 19.00 Uhr und Samstag / Sonntag von 14.00 – 18.00 Uhr bei freiem Eintritt besichtigt werden.

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