32 Jahre nach Three Mile Island – immer noch nicht schlauer

Es ist schon verwunderlich, wie wir so reagieren. Nach reichlich zwei Wochen Nachrichten über den GAU in Fukushima scheint man in den Redaktionsstuben der Meinung zu sein, sich wieder anderen Themen zuwenden zu müssen. Einzig die wackere ARD macht da eine Ausnahme.

Atomkraftwerk Three Mile Island bei Harrisburg Quelle: http://www.tagesschau.de/ausland/harrisburgkatastrophe100.html

Dabei ist heute genau in diese Richtung ein ganz besonderer Tag. Nicht nur das heute vor 30 Jahren auf den mächtigsten Mann der Welt ein Attentat begangen wurde, nein genau vor 32 Jahren, am 28. März 1979 passierte das bis dahin in den Augen der Wissenschaftler und Techniker denkbar Unmögliche, ein GAU der Klasse 5 der INES-Skala im Kernkraftwerk Three Mile Island in der Nähe von Harrisburg, Bundesstaat Pennsylvania USA. Es war nicht der erste Störfall in dem eine Kernschmelze stattfand. Bei der dort aufgetretenen Kernschmelze schmolzen circa 50 Prozent des Kerns, etwa 20 Tonnen Uran, es wurden rund 1,5 Mio. Liter hoch radioaktives Wasser in den angrenzenden Fluß Susquehanna River abgelassen. „Es wird geschätzt, dass zusätzlich während des Zwischenfalls radioaktives Gas (in Form von Krypton 85) mit einer Aktivität von etwa 1,665*10^15 Bq entwich – dies entspräche einigen Tonnen Uran.“ Wer mehr zum Hergang erfahren will, der sollte unbedingt mal bei Informationsnetzwerk gegen Atomkraft nachlesen. Die Aufräumarbeiten sollten über 10 Jahre in Anspruch nehmen.

Interessant ist festzustellen, dass zu diesem Zeitpunkt sich die Regierung der Vereinigten Staaten genau so verhielt, wie wir es in Tschernobyl erlebten und es zur Zeit in Japan geschieht, vernebeln, verschleiern, vertuschen und verschwinden lassen. Offiziell hat es bei diesem Unfall keine Toten gegeben. Messreihen z. B. zur Strahlenbelastung, die über das genaue Ausmaß Aufschluß geben könnten, sind teilweise verloren gegangen. Zusammenhänge mit erhöhter Säuglingssterblichkeit oder Krebshäufigkeit waren strittig und sind durch offizielle Stellen nicht bestätigt worden.

Es klingt fast wie ein Aber-Witz der Geschichte, das wenige Tage vor dem Störfall der Film „Das China Syndrom“ in den Kinos der USA Premiere hatte. In diesem Film, mit Jane Fonda, Jack Lemmon und Michael Douglas in den Hauptrollen, wurde der  Störfall fiktiv vorweggenommen. Anders als in der Realität sollte dort am Ende eine richtige Untersuchung stattfinden, bei der die Wahrheit herausgefunden werden sollte. Wie es so schön heißt, „vorm Happy End wird gewöhnlich abgeblend!“

Auch der Reporter des Filmes wußte am Ende, das sich  die Kernschmelze nicht bis nach China durchbrennen würde. Aber was geschieht, wenn sich die Kernschmelze freisetzt also durch Reaktordruckmantel, das Containment und den Boden frißt? Es ist nicht einmal klar womit die Schmelze zu kühlen wäre, um die fortlaufende Kernspaltung zu hemmen, damit die Hitzeentwicklung verringern werden kann. „So weit sind die Analysen eines Störfalles nicht betrieben worden“, äußerte der führende Geschäftsführer für Reaktorsicherheit Herr Lothar Hahn gegenüber der Süddeutschen am 14.03.2011.

Seit diesem GAU wurden in den USA bis 2009 keine neuen Atomkraftwerke mehr gebaut. Auf Grund der Klimarettung denkt man auch in der Obama-Regierung über neue Kernkraftwerke nach, die jetzt wieder projektiert werden.

Weit weniger bekannt ist und für mich war es völlig neu, es gab im gleichen Jahr noch einen Störfall in der Atomindustrie in den USA bei der Gewinnung des Spaltmaterials Uran. Dieser ereignete sich wenige Monate später am 16. Juli 79 und wird als der schwerste nukleare Unfall in der Geschichte der USA bezeichnet. In der Uranmühle Chruchrock, Bundesstaat New Mexico, Betreiberfirma United Nuclear, brach der Damm eines Absatz- und Verdunstungsbeckens „Rund 460 Mio. Liter und etwa 1000 Tonnen Schlamm und Geröll ergossen sich über das Land. Es kam zunächst niemand ums Leben, doch das Wasser war verseucht und erreichte den Rio Puerco, denn der Schlamm bestand aus Abraum einer Uranmine, versickerte im Boden und drang so in den Nebenarm des Colorado River… Hochradioaktive Substanzen wie Uran, Thorium, Radium, Polonium und eine Reihe anderer hochgiftiger Metalle, wie Kadmium, Aluminium, Magnesium, Mangan, Molybdän, Nickel, Selen, Natrium, Vanadium, Zink, Eisen, Blei und hohe Konzentrationen von Sulfaten verpesteten das Land und brachten Menschen und Tieren Krankheit und Tod. Noch Jahre später wurden Spuren der Verseuchung im Umkreis von etwa 120 Kilometer nachgewiesen. Die entwichenen Materialien waren derart umfangreich, dass sogar Trinkwasserreservoirs in Arizona gefährdet wurden und mit ihnen das Trinkwasser von Las Vegas, Los Angeles und weiten Teilen Arizonas.“ (Informationsnetzwerk gegen Atomkraft). Tausende Tiere und 1700 Menschen, meist Indianer der Navajo aus der Reservation waren direkt davon betroffen. Glücklicherweise befand sich keine der Metropolen direkt in der Nähe. Es waren ja nur „Indianer“. Alle Maßnahmen zum Betrieb der Uranmühle entsprachen nicht den Sicherheitsanforderungen im Umgang mit radioaktiven Material. Bauunterlagen wurden eigenwillig geändert, um Kosten zu sparen.

Der ausgelaufene Schlamm enthält Elemente die teilweise eine Halbwertszeit von mehreren tausend Jahren haben, die dort im Erdreich versickert sind. Die Aufräumarbeiten wurden trotz Einwohnerprotest nur oberflächlich betrieben.

Ein Sprecher der Firma erklärte, dass im Bereich des Flussbettes bis zu 10 Meilen vom Damm entfernt etwa 3.500Tonnen von „möglicherweise“ betroffenem Sediment entfernt wurde. Er erklärte weiter, dass die Kombination aus den Reinigungsbemühungen sowie den natürlichen Effekten – wie etwa Regen – verantwortlich für die Wiederherstellung des Normalzustandes waren.

So ein Umgang, geduldet durch die Regierung, ist mehr als fahrlässig. Drei Monate nach dem Unglück wurde die Produktion von Uran in der Mühle ohne große Veränderungen wieder aufgenommen. Wie sich doch die Bilder gleichen…

Die letzten aktuellen Ereignisse in Fukushima belegen er erneut, Atomenergie ist in seiner Vorbereitung (Gewinnung), Produktion und in der Lagerung seiner Endprodukte, nicht beherrschbar.

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Über muzungumike

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7 Antworten zu 32 Jahre nach Three Mile Island – immer noch nicht schlauer

  1. mzungumike schreibt:

    @ Vallartina
    Vielen Dank für Deine Bereicherung, das war mir bis jetzt nicht bekannt. Der Artikel zeigt auch den Ursprung für die friedliche Atomenergie auf. 1944 ist in den USA der erste Reaktor zur Herstellung von spaltbaren Material für die Atombomben konstruiert und errichtet worden. Da bei diesem Prozeß sehr viel Energie frei wird, hat man es danach die Gewinnung von Elektroenergie genutzt. Schnelle Brüter sind und werden für die Entnahme von Plutonium genutzt, Bau der schmutzigen A-Bomben. Auch der Reaktor in Tschernobyl hatte aus diesem Grund kein Containment!

    Hier noch ein link meinerseits: http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/schneller-brueter-brutreaktor-plutonium.html

    • Vallartina schreibt:

      Weisst Du, je mehr ich darüber lese, umsomehr wünsche ich mir eine einsame, weit ab gelegene winzige kleine, strategisch völlig unbedeutende Insel ….
      Optimistische Grüsse!

      • mzungumike schreibt:

        Die Einstellung kann ich nicht ganz teilen, weil ich habe fast eine einsame Insel, meine Heimat („Waldmeer, Sandmeer, gar nichts mehr“), hier sterben die Menschen aus, weil man Strukturen zustört hat, ob nun bewußt oder unbewußt mag dahin gestellt sein. Was nutzt Dir die einsame Insel, wenn Du allein bist oder auf der Nachbarinsel Menschenfresser wohnen. Wir stehen heute global an dem Punkt, an dem Europa vor zwanzig Jahren stand und es nicht besonders einfallsreich gelöst hat (Ende des kalten Krieges). Es gibt glaube keine Generation vor uns, die so viel Verantwortung übernehmen mußte, um die Existenz der eigenen Art zu retten, wie wir heute. Viele Grüße aus der Lausitz! Mike

  2. Vallartina schreibt:

    Gerade zum Thema auch bei CNN gelesen: http://news.blogs.cnn.com/2011/03/29/u-s-nuclear-plant-had-partial-meltdown-years-before-three-mile-island/
    Gruss aus Mexico.

  3. mzungumike schreibt:

    Habe aus aktuellen Anlaß den post aktualisiert

  4. mzungumike schreibt:

    Was Fukushima betrifft, befürchte ich ein schlimmes Erwachen, habe heute schon bei tom dazu was geschrieben. Wenn man die Anzeichen liest, gehe ich davon aus es sind da drei Kernschmelzen im Gang, seit vielen Tagen. Sollten die nicht zu stoppen sein, sollte der Satz „Hätten wir diese Havarie nicht eingedämmt, gäbe es die Ukraine nicht mehr, ungelogen, vielleicht sogar halb Europa“(Augenzeugenbericht Tschernobyl), vielleicht für Asien gelten.

  5. Dr. Martin Bartonitz schreibt:

    Hallo Mike,
    das ist ein weiterer Baustein zur Offenlegung, was da alles schief läuft. Und ein weiterer, wo man sich fragt, warum die Volksvertreter nichts für das Volk unternimmt.
    Gruß Martin

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