Krank sein in Kenia

Kleines Vorwort

Heute ist wieder eine ganz besondere Begegnung wahr geworden. Auf meiner Suche nach Vorreitern und Partnern für ein „non profit help net work for East Africa“ bin ich im Zusammenhang mit den Recherchen zu unserem Vorhaben Hilfe für die Baraka Primary School in Tansania auf einen Verein gestoßen, der sich schon über viele Jahre hinweg in Kenia für ähnliche Zwecke selbstlos einsetzt. Da ich selbst wenige Wochen nach dem nine/elven Gast einer muslimischen Familie in Kilifi (80 km nördlich von Mombasa am Indischen Ozean) war, in der sich alle meine Vorurteile auflösten, ist es so etwas wie eine Rückkehr in ein vertrautes Gebiet. Frau Gabriela Vonwald, die Gründerin des Vereines Harambee„Laß uns was gemeinsam tun“ – aus Österreich hat mit ihrem Team beachtliches geleistet, das sicherlich im kommender Zeit hier umfangreicher vorgestellt werden wird. Nach dem ich heute die Erlaubnis erhalten habe, Texte zu veröffentlichen, greife ich einen heraus, der mir besonders am Herzen liegt, weil er aufzeigt, wie wichtig unsere Hilfe vor Ort ist. Vielen Dank

Hopital Kilifi / copyright by M. Schmidt

„Krank zu sein, ist in keinem Land der Welt angenehm. Trotzdem gibt es natürlich Unterschiede. Nicht umsonst besagt jede Studie, dass es einen erheblichen Unterschied macht, ob man Geld hat oder nicht. Was in unserem Land nur eine Frage ist, liege ich in einem Ein-Bett oder Zwei-Bett-Zimmer, muss ich beim Arzt länger warten oder nicht und welche Auswahl habe ich im Spital beim Mittagessen, ist in einem armen Land wie Kenia, in dem kaum jemand eine Krankenversicherung hat, oft tatsächlich eine Frage des Überlebens. Gibt es überhaupt eine Krankenversicherung? Ja, die gibt es. Funktioniert nicht unähnlich der unseren, aber nur ungefähr 5% der Bevölkerung, meistens Regierungsangestellte, verfügen überhaupt darüber. Und meistens deckt sie dann nicht den normalen Arztbesuch ab, sondern den absoluten Notfall mit Operation und Krankenhausaufenthalt.

Nehmen wir an, es handelt sich um eine einfache Familie in einer Hütte oder einem gemieteten Raum in der Nähe von Kilifi, ein Mitglied wird krank und man möchte einen Arzt aufsuchen. Auch in Kenia gibt es private Einrichtungen und staatliche Hospitäler, wir haben in Kilifi das wirklich gut funktionierende District Hospital. Dort arbeiten angestellte Ärzte, die eine erste Konsultation vornehmen. Diese kostet beispielsweise bei uns in Kilifi 20,- Keniaschilling, also umgerechnet 20 Eurocent. Das klingt natürlich nicht viel, aber oft lebt die Familie weiter weg, muss also entweder laufen oder noch ein Sammeltaxi bezahlen, ist manchmal dafür den ganzen Tag von zuhause weg. Und 20 KSH sind bei einem niedrigen Einkommen von vielleicht 1.000,- KSH für die ganze Familie für den ganzen Monat sehr wohl eine Belastung. Falls der Arzt jetzt eine schwerere Krankheit feststellt, benötigt er vielleicht ein Röntgen. Dieses kostet umgerechnet  4,50 Euro. Außerdem wird er Medikamente verschreiben, die ebenfalls in der Apotheke bezahlt werden müssen. In den kenianischen Apotheken werden die Tabletten übrigens aus genau diesem Grund auch einzeln verkauft, eine Tablette Aspirin also zum Beispiel. Ganze Schachteln kaufen meistens nur die weißen Touristen.

Wirklich schlimm wird es bei einem Spitalsaufenthalt oder sogar einer Operation. Das Spital zahlt man pro Tag, in einem staatlichen muss man mit ungefähr 2,- Euro rechnen, zusätzlich zu den Medikamenten, die verabreicht werden. Und sollte es zu einer Operation kommen, entstehen Kosten ab  40,- Euro. All das mutet für uns mit unserem Einkommen natürlich wie das Paradies an, und tatsächlich ergeht es einem als gut betuchtem Europäer in Mombasa im Krankenhaus sehr gut. Diese Institution ist mindestens so gut wie jedes europäische Spital, sehr modern, sehr sauber, und falls man auf die Preise noch ein kleines Trinkgeld drauflegt, wird man fürstlich behandelt in jeder Beziehung.

Wenn ich aber von der Hand in den Mund lebe, kaum weiß, wie ich Reis (Ugali – gekochtes Maismehl, Anmerk Red.) oder Wasser bezahlen soll, mein Vermieter mir Wucherpreise für ein dunkles Zimmer abknöpft, und dann wird mein Kind krank und benötigt eine Operation?  Eine Woche Spitalsaufenthalt, Operation, Medikamente  – da können leicht 70,- bis 100,- Euro zusammenkommen. Das ist für manche das Einkommen eines halben Jahres.

In vielen Spitälern gibt es übrigens nur eine Art Notfallpflege. Es wird erwartet, dass sich die Angehörigen kümmern. Und entlassen wird man erst, wenn man die Rechnung bezahlt hat.

Was passiert bei einem Notfall, wo man nicht erst fragen kann, ob der Patient auch das Geld hat? Natürlich lässt man – meistens – niemanden sterben. Aber danach ist der nun gesunde Patient auf Jahre verschuldet. Ich war früher oft zornig, wenn ich gehört habe, dass wieder eine unserer Mütter mit dem Kind viel zu spät zum Arzt gegangen ist, dass bei einem gebrochenen Arm kein Röntgen gemacht wurde. Wenn man sich diese Zahlen anschaut, denke ich, versteht man es besser.

Und aus diesem Grund sind wir für unser Projekt die Kooperation mit dem District Hospital eingegangen. Die Kinder und Familien können sich kostenlos untersuchen lassen, wir verrechnen direkt, im Falle einer Operation oder bei höheren Kosten fragen wir unsere Paten um einen Zuschuss.

Vielleicht sollten wir über all das öfter nachdenken, wenn wir uns wieder über die „schlechte“ Behandlung im Krankenhaus aufregen oder bei jeder Kleinigkeit bei unserem Hausarzt herumhängen. „

© 2011 Gabriela Vonwald  Harambee – Hilfsoragnisation für Frauen und Kinder in Kenia;  office@harambee.at
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Über muzungumike

Interesse an internationalen Ereignissen, die wenig oder keine Beachtung in der Medienwelt finden, z.B. reale Entwicklungshilfe, lustige Anekdoten, Länderkunde etc.
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2 Antworten zu Krank sein in Kenia

  1. muzungumike schreibt:

    Vielen Dank für Deinen Kommentar. Als erstes muß ich sagen, für mich ist es zufällig, so weit man das Wort überhaupt gebrauchen sollte, Afrika geworden. Die Notwendigkeit ernsthaft was gegen Armut und damit verbundener Krankheit, Unterernährung, Beschäftigungslosigkeit zu unternehmen ist immens groß. Wir hatten hier gerade die iberoamerikanschen Kulturtage und ich habe ebenso Freunde in Lateinamerika. Genauso gut könnte es der asiatische oder der osteuropäische Raum sein. Ich war nun mal in Afrika und ich glaube es ist ganz wichtig, einige Grundzüge zu kennen, bevor man anfängt etwas zu unternehmen. Auch auf mehren Hochzeiten zu tanzen, ist für keinen Beteiligten von Nutzen.
    Das Erste, was man über Bord werfen sollte, ist, in unseren Maßstäben zu denken. Ich hatte es nicht bewußt getan, aber am Ende hat sich vieles aus der Intuition heraus entwickelt und war für mich ein Glücksgriff. Hätte ich versucht mein Bauvorhaben deutsch abzuwickeln, wäre ich wahrscheinlich gescheitert. Also patch management, wie Du so schön schreibst muß eine hohe regionale Komponente haben, denn Afrikaner sind Prangmatiker. Da habe ich schöne Geschichten erlebt, die hoffentlich bald auf’s Papier, sprich für mein Buch, bringen kann.
    Traditionelle Medizin hat 100 Jahre Kolonialismus fast vollständig ausgelöscht. Da hat die Kirche ganze Arbeit geleistet. Ich wollte einen meiner Mitarbeiter, der gestürzt war, feldscher-mäßig behandeln. Da führte kein Weg rein. Ende von Lied nach einer professionellen Behandlung bekam er eine Lymphdrüsenentzündung und konnte zwei Wochen nicht arbeiten. Ich denke weit ab von Schuß, also in entlegenen Regionen gibt es noch genügend Heilmänner und Frauen. Erst jetzt fängt die Regierung an wieder Heilkräuter gegen Malaria z. B. zu veröffentlichen, dieses Jahr ist gerade ein Buch erschienen.
    Mit der ganzen Industrie wäre ich sehr vorsichtig, wir sehen ja selbst, was dabei heraus kommt. Sie kann kein gesundes Maß finden. Gebäude können sie errichten, ich habe mich davon überzeugt und nicht einmal schlecht. Da findest du noch Handwerker!
    Ich bin der Meinung wir müssen umdenken und endlich begreifen, wir haben da nichts zu suchen, um Erdöl, Uran, Diamanten usw, abzubauen. Kenia steht am Scheideweg. Sie haben 2008 diesen Schritt nicht bewältigen können, weil wir, besser gesagt unsere Industriellen und Politiker es verhindert haben. Ich will nicht behaupten, es hätte keine Gewalttaten gegeben, wenn Odinga wirklich an die Macht gekommen wäre. Aber für viele Industrieelle wäre sofort das Licht ausgegangen. „Yes we can doing alone with out with people“, hätte der Spruch sein können. Ich war zu diesem Zeitpunkt selbst in Kenia. Seit Mai 2007, also vor den Wahlen, liegen Projekte auf Eis, weil die Rückführung der Gewinne nicht mehr sicher ist. Ich sollte ab Juli 2007 z. B. ein AIDS-Hospital mit Berufsausbildungszentrum und AIDS-Waisendorf in der Nähe von Malindi mit bauen, der Vorvertrag hängt bei mir noch an der Wand.
    Du siehst es ist wirklich sehr kompliziert und deshalb versuche ich so gut wie es mir möglich ist darüber zu berichten.
    Es gibt aber auch eine Reihe von non profit organisation, die sich wirkungsvoll in vielen Gebieten der Welt einbringen. Da sehe ich die Zukunft, jede wirtschaftliche Förderung ist eine kapitalistische und der „Kunde“ bleibt auf der Strecke. Hinzu kommt, das sich über die vielen Jahre, auch bei der sozialistischen Variante der Hilfe, ein großes Mißtrauen aufgebaut hat, was Du mit Deiner Person erst einmal abbauen mußt, so das wir nicht einfach wie ein Schwarm ausfliegen und Hilfe leisten können. Die UNO leistet an der Stelle auch Beachtliches.
    Wie gesagt, ich stehe gern für Fragen zur Verfügung und so weit ich sie beantworten kann, werde ich es tun.

  2. nick mott schreibt:

    Afrika ist das perfekte Beispiel für die Notwendigkeit von patch-management.

    Wäre es nicht eine wertvolle Ergänzung, geeignete Personen vor Ort in den Dörfern und einem maximalen Tagesfußmarschradius ausfindig zu machen und in den Grundlagen der Ersten Hilfe zu schulen, dabei traditionelle Medizin und Grundausstattungen der einfachen Art sicher zu stellen und diese dann als Präventionsmediziner nach einem ausgeklügelten Duktus die Dorfbevölkerung inspizieren und im Ansatz bereits tätig werden bzw. Aufklärung betreiben zu lassen etc.?

    Wie sieht es mit dem Aufbau einer bescheidenen industriellen Struktur aus, die in der Lage wäre, vor Ort notwendige Ausrüstung zu produzieren und/oder Gebäude zu errichten?
    (economical entanglement)

    Wie sieht es mit der geförderten Entlassung aus Abhängigkeitsverhältnissen im Bereich Schulung, Landwirtschaft, Verwaltung und Verkehr etc. aus?

    Was ist mit african think-tanks, bestehend aus den Menschen vor Ort, vermittelt durch geschulte Mediatoren?

    Was ist mit der Einführung regionaler Tauschwährung in diesen Bereichen?

    Wie steht es um Vorteilsanreizbildung (außerhalb von staatlichem Geld) durch Statuserhebung?
    (psychological enforcement by appreciation)

    Bin da leider nicht informiert genug über die Lage vor Ort, um mich eventuell konstruktiv an Lösungsvorschlägen zu beteiligen…:-(

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