Ist Lateinamerika wirklich so weit weg ?

Sicherlich werden diese Frage viele sofort mit ja beantworten und manche haben auch gleich noch die Flugkilometer oder -stunden parat, die man benötigt, eines dieser Länder  zu erreichen. Ich behaupte wiederum, daß ich am letzten Wochenende zu einer brasilianischen Fiesta war und zwar gleich um die Ecke.

Zugegeben, sie war nicht ganz so farbenfroh, aber die Stimmung war bombastisch. Die Musiker bauten noch ihre Instrumente auf, da wurde in der Gaststube spontan ein Liedchen angestimmt und ehe man sich versah waren alle auf den Beinen und tanzten. Es kam eine Trommel dazu und die Band war komplett. Die Vorsäger wechselten und alle sagen mit, nicht eine Strophe, nein, nicht nur ein Lied und so begann der Ausklang der iberoamerikanischen Kulturtage am letzten Samstag in Halle in der Goldenen Rose.

Es waren die Zehnten , wie doch die Zeit vergeht. Organisiert werden diese Kulturtage jährlich durch den Verein si halle – iberoamreikanische Kulturinitiative e. V.. Heißt si auf deutsch nicht ja? Also eine wuderschöne Einladung, ja zu Halle. Ein größeres, aktives Kompliment kann man einer Stadt, dessen zeitweiliger Aufenthaltsort er für viele Ausländer ist, nicht machen. Ich erfuhr das Menschen aus 132 Nationen in Halle leben und viele auch hier arbeiten. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt den Kontakt und die Verständigung zwischen den Menschen und Völkern zu fördern und auf diesem Wege in der „tausendjährigen Stadt Halle, im Herzen Europas, eine Tür zur iberoamerikanischen Seele zu öffnen. Die iberoamerikanische Identität umfasst die ganze Vielfalt der lateinamerikanischen Welt sowie die verschiedenen Traditionen und kulturelle Ausdrucksformen der Völker der Iberischen Halbinsel.“ Weiterhin erfuhr ich, das es Stammtische in vielen Großstädten gäbe, in denen sich spanisch sprechende Menschen aufhalten. Dieser Verein ist aber in seiner Zielsetzung in Deutschland einmalig. Hinzu kommt noch, daß er sich auch aktiv an Hilfsaktionen beteiligt oder sie unterstützt. 

Eine ereignisreiche Woche lag hinter den Organisatoren, die die diesjährigen Kulturtage unter das Motto “ E X. PEDICIONES“, Expiditionen, stellten. Am Montag, den 20. Juni, war in der FORTUNA TAPAS BAR zu einer Reise eingeladen worden, Lateinamerka fernab von allen Sehenswürdigkeiten kennen zu lernen. Am Dienstag, dem regulären Stammtischtag, gab es im THALIA – PUSCHKINO den Film „Das letzte Kino der Welt“ zu sehen bevor man sich wie gewohnt in gemütlicher Runde zusammensetzte. Am Donnerstag wurde an gleicher Stelle der Dokumentarfilm „La Isla – Archive einer Tragödie“, gezeigt. Er berichtet über die Geschehnisse des 36 jährigen Bürgerkrieges in Guatemala bis 1996. In dieser Zeitspanne wurden über 150.000 Menschen verschleppt und ermordet, ohne das es bis jetzt eine Aufarbeitung gibt. Anschließend fand dazu eine Podiumsdiskussion statt.

Ecuador Bajo Agua - Ecuador unter dem Wasser / © by Fernando Cornejo

Ein weiterer Höhepunkt der Veranstaltungsreihe war am Freitag die Ausstellungseröffnung „Ecuador Bajo Agua – Ecuador unter dem Wasser“ von Fernando Cornejo aus Quito, der zweit größten Stadt des Landes. Der kleine Andenstaat zeichnet sich, wie kaum ein anderes Land der Erde, durch seine ungeheure Dichte an Ökosystemen und seine noch vorhandene Artenvielfalt aus. Mit seinen Bildern möchte der Künstler auf die Unwiederbringlichkeit der Meeres aufmerksam machen.

„Ich lade Sie ein, sich mit Mutter Erde in Verbindung zu setzen, die hauptsächlich aus Wasser – unserer Lebensquelle! – besteht. Lassen Sie uns an die kommenden Generationen denken und konsequent handelnd.“ (F. Cornejo)

Seine Videobotschaft war es, die mich tief berührte und mich dazu veranlaßte, über diese Tage zu berichten, weil sie, nach den Ereignissen des letzten Jahres, deep water, Fukushima, Uranförderung in Tansania, Goldsuche in Französisch Guayana, Lansdschaftszerstörung durch Anbau von Rohstoffen für die Biokraftstoffproduktion in Kenia, die Liste ließe sich weiterführen, mir deutlich wurde, daß alle Völker unserer Erde diese Sorge vereint und es an der Zeit ist, gegen diese Machenschaften auf dem ganzen Globus vorzugehen.

Diese Ausstellung kann noch bis zum 15.07. jeweils von Mittwoch bis Freitag in der Zeit von 16 – 19 Uhr in der Rannischen Straße 19, „Goldene Rose“ besichtigt werden.

Alles in allem waren es wieder gelungene Tage und ich möchte mich im Auftrag der Organisatoren bei allen Helfern und Unterstützern recht herzlich für ihr Mitwirken bedanken. Manches ist aber nicht so unbeschwert, wie es auf den ersten Blick aussieht. Oft gilt es harte Kämpfe mit der hiesigen Behörde auszufechten, damit man zum Beispiel ein Studium beenden kann. Viele stehen vor einer ungewissen Zukunft. „Trotzdem versuchen wir neue, junge Mitstreiter für unseren Verein zu gewinnen, weil uns die Sache wichtig, ja ans Herz gewachsen ist“, wie mir Santiago, einer der Organisatoren erzählte.

Bei diesen Begegnungen kamen in mir auch Erinnerungen hoch, die schon fast in Vergessenheit geraten waren und die vielleicht dazu geführt haben , daß gerade ich empfänglich für diese Momente bin. Da gab es lange Abende mit Freunden aus Chile, die hier während der Diktatur ein neues zu Hause gefunden hatten oder Sonderschichten für Nikaragua, die wir gemeinsam mit Menschen aus Lateinamerika in der ehemaligen Kaffeefabrik leisteten .

Zum Stammtisch gehören etwa 300 Personen Deutsche wie Ausländer. Spanisch ist nicht Pflicht, denn viele sprechen auch ein wunderbares Deutsch. Vielleicht gehen sie einfach mal spontan vorbei und lassen sich von dem Lebensmut dieser Menschen anstecken. Alles Wissenswerte, wie auch Ort und zeit des Stammtisches finden sie in der Hompage des Vereines, die ich oben verlinkt habe.

Hasta luego vielleicht bis bald!

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Über muzungumike

Interesse an internationalen Ereignissen, die wenig oder keine Beachtung in der Medienwelt finden, z.B. reale Entwicklungshilfe, lustige Anekdoten, Länderkunde etc.
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2 Antworten zu Ist Lateinamerika wirklich so weit weg ?

  1. muzungumike schreibt:

    Ja es waren tolle Tage und wie gesagt ist für mich genau so nah wie Afrika. ich glaube da ist eine neue Partnerschaft entstanden. Habe heute dazu noch ein Interview für MDR Figaro gegeben, der am Sonnabend gesendet wird. Der Beitrag hat schon einige erreicht und ich hoffe er bringt uns ein Stück weiter in form von näher.

  2. Elvira, die Quiltoma schreibt:

    Ich danke Dir für diesen ausführlichen Beitrag und hoffe, dass er viele Leser erreicht!

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