Nicht ohne Handy

Viele Besucher, die zum ersten Mal in Afrika sind, wundern sich darüber, dass
scheinbar selbst sehr arme Menschen eines auf jeden Fall besitzen – ein
Handy. Wie kann das gehen – kein Geld für eine tägliche Mahlzeit, aber mobil
telefonieren? Sind die Menschen etwa gar nicht so arm?
Zunächst muss man dazu anmerken, dass die wirklich sehr armen Bewohner,
die tatsächlich nicht wissen, wie sie die nächste Mahlzeit zusammen
bekommen sollen, nicht über ein Handy verfügen. Manchmal ist es nur für
diesen einen Anruf ausgeborgt, den man da gerade beobachtet. Aber es
stimmt natürlich schon, das mobile Telefon ist aus der afrikanischen
Landschaft nicht mehr wegzudenken, vor allem, weil kaum ein Haushalt über
einen Festnetzanschluss verfügt. In Kenia gibt es inzwischen mehr als 10
Millionen Mobiltelefone, durchwegs betrieben mit so genannten PrepaidKarten. Für uns Europäer ist Handytelefonieren hier unglaublich billig, einen
halben Euro muss man für die billigste Karte investieren, mit einem Euro –
und da spreche ich aus Erfahrung –„ simse“ ich selbst während meines
Aufenthaltes gut ein dutzend Mal nach Europa.
Aber auch für die armen Kenianer hat es viel gebracht, ein Handy zu besitzen,
oft gar nicht zum selbst Telefonieren, sondern viel häufiger, um erreichbar zu
sein. Das mobile Telefon, das kann man wirklich sagen, hat in Kenia zu einem
neuen wirtschaftlichen Aufschwung beigetragen. Viele Dienstleister sind über
Handy erreichbar, man kann ein Taxi oder Tuktuk vorbestellen, einen Gärtner
anrufen oder Bauarbeiter für ein Projekt „zusammentrommeln“. Selbst
Bauern und Fischer können über Handy die aktuellen Preise am Weltmarkt
erfahren und müssen sich nicht mehr vom örtlichen Händler über den Tisch
ziehen lassen.
Und in einem Land, in dem kaum jemand ein Bankkonto bekommt oder sich
leisten kann (dazu ist in jedem Fall ein Ausweis notwendig, woran es bei
vielen Menschen schon scheitert) und man den Banken sowieso nicht
wirklich traut, ist noch eine weitere geniale Idee entstanden. Man kann über
Handy Geld verschicken, auch kleine Beträge und mit nur sehr geringen
Spesen. Man zahlt beispielsweise in Kilifi bei einem Vertragspartner vor Ort,
zum Bespiel dem Gemüsehändler, eine geringe Summe ein, schickt eine SMS
an den Verwandten am Victoriasee, dieser geht mit der SMS zum nächsten
Vertragspartner, vielleicht einer Tankstelle, und bekommt dort sein Geld.
Gerade in einem Land, in dem Menschen oft weit weg von zuhause arbeiten
müssen, ihre Familie aber zurück bleibt, ein unschätzbarer Dienst. Der
Betreiber dieser genialen Idee (nennt sich M-Pesa, pesa = Geld) die Firma
Safaricom, besitzt inzwischen 12.000 Vertragspartner und 5 Millionen
Kunden.
Und für diejenigen, die tatsächlich kein Geld zum Telefonieren haben, aber
dringend mit jemandem sprechen müssen, gibt es noch die kostenlose
Möglichkeit des „Flashens“. Man drückt eine Kombination aus Zahlen und
Symbolen, daraufhin leuchtet beim Empfänger die Nachricht auf: „Please call
me back.“ Für den Sender kostenfrei, und ob man dann tatsächlich zurück
ruft, bleibt einem überlassen. (Raten Sie mal, wie oft man als „reicher“
Europäer angeflasht wird?)
Unsere Freunde in Kenia sind Meister im Überwinden von Schwierigkeiten, an
denen viele Europäer wahrscheinlich scheitern würden. Zum Beispiel dem
Problem, dass es ja in Kenia nur an wenigen Orten Strom gibt. Wie lade ich
das Handy auf? Auch hieraus ist ein neuer Geschäftszweig entstanden, selbst
in den Slums. Ein Ladenbesitzer mit einer kleinen Trafostation bietet gegen
ein paar Cent den Service an, sein Handy aufzuladen. Allen ist geholfen, und
so mancher Besitzer einer solchen „Tankstelle“ verdient im Monat mehr als ein Arzt.

Und natürlich sind Mobiltelefone für unser Projekt fast unentbehrlich. Wenn ich für unsere Sponsoren und Paten schnelle Informationen benötige, muss unser Mr. Karani nicht immer mühsam zur Familie hingehen, manchmal genügt ein Anruf, wenn nicht direkt in die Familie, so doch vielleicht beim Nachbarn. Wenn ein Kind während des Unterrichts krank wird, ins Spital muss, ein Anruf, und die Mutter ist informiert. Wir können Handwerker vorbestellen oder Lebensmittel und auch unsere Besuche ankündigen nach dem Motto „Alle Mamas in die Schule, Gabi kommt morgen nachmittags“. Und natürlich simse ich fast jeden Tag von Wien aus nach Kenia, um
immer auf dem Laufenden zu sein.

Ihre Gabriela Vonwald

eingestellt in Absprache der Autorin Frau Gabriela Vonwald

© 2011 Gabriela Vonwald

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