Gegen den Hunger

Bezugnehmend auf meinen Artikel „Hunger hat viele Geischter“ möchte ich heute so zu sagen einen Augenzeugen an dieser Stelle zu Wort kommen lassen, Frau Gabriela Vonwald, Initiatorin und Vereinsvorsitzende des Vereins „Harambee“. Wie kann es anders sein, ist es ein Begriff auf Kisuaheli und bedeutet; „Laßt uns was gemeinsam machen“. Besser kann man die Arbeit, die dort geleistet wird, nicht auf einen Nenner bringen, weil dort nicht Hilfe im herkömmlichen Sinn betrieben wird, sondern mit den Menschen in Kilifi, an der Küste Kenias gelegen , versucht wird, die Situation zu verbessern. In wenigen Tagen begeht der Verein sein fünfjähriges Bestehen und sicherlich werde ich auch darüber berichten.

Zugegeben, in Kenia verhungern Menschen nicht in der gleichen Art wie in der Sahelzone oder in Äthiopien, und ganz offensichtlich braucht man, um zu spenden, die ganz gruseligen Bilder von kleinen Kindern, die nicht einmal mehr die Kraft haben, sich die Fliegen von den Augen zu wischen. Nein, das haben wir bei uns nicht.

Trotzdem kommen unsere Kinder nach den Ferien vollkommen ausgehungert in die Schule zurück. Zuhause gibt es maximal eine Mahlzeit am Tag, und es kommt auch vor, dass es nicht einmal dafür reicht. Niemand oder nur wenige verhungern, aber die meisten sind ständig hungrig.

Ich weiß nicht, wann und ob wir hier in Europa dieses quälende Gefühl jemals kennengelernt haben. Damit meine ich unsere Generation, denn unsere Großeltern, die den Hungerwinter 1948 überlebt haben, konnten sicher ein Lied davon singen. Wie es sich anfühlt, wenn man vor Hunger nicht schlafen kann. Wie leer der Kopf ist, einziges Interesse, wo und wann gibt es irgendwas zu essen. Man versucht sich abzulenken, lutscht auf etwas herum. Kinder nuckeln auf einem Stück Stoff zum Beispiel. Alle sind viel zu dünn. Dünne Ärmchen mit viel zu großen Köpfen. Trotzdem wird Mithilfe verlangt. Untergewichtige 8jährige Mädchen tragen einen vollen 20-Liter Wassereimer auf ihrem Kopf. Ausgezehrte Frauen mit Brüsten wie trockene Haut stillen ihre Babys, die manchmal viel zu schlapp sind zum Schreien.

Nein, sie verhungern nicht. Aber sie haben so oft keine Energie mehr. Nicht, um zu lernen, nicht um zu arbeiten, nicht um sich bei einer Behörde anzustellen. Und oft genug auch nicht, um gegen eine Krankheit anzukämpfen. Kinder unter 5 Jahren stellen die größte Gruppe aller Malariaerkrankten dar.

Oft die einzige Mahlzeit - Ugali

Das manchmal einzige Nahrungsmittel der Kenianer ist Maismehl, zu einer Art Polenta verkocht. Ugali heißt dieses Gericht. Wunderbar als Beilage, aber nur wenig nahrhaft als Hauptmahlzeit jeden Tag. Wer ein bisschen Geld hat, kauft dazu Bohnen, Maharagwe, und bekommt so zumindest ein wenig Eiweiß. Diese ständige Unterversorgung mit Eiweiß ist die zweite große Gefahr. Wenn man nur genau hinschaut, sieht man auch hier die Hungerbäuche, die entstehen, wenn der Körper in seiner Verzweiflung beginnt, das eigene Eiweiß im Blut aufzubrauchen. Weltweit heißt diese Erkrankung „Kwashiorkor“, kommt aus Ghana und heißt „der erste, der zweite“, weil es meistens in Afrika die ersten Kinder befällt, die abgestillt werden, sobald Nummer Zwei da ist und dann diese Symptome entwickeln.

Frühstück ist übrigens auch bei begüterten Familien nicht wirklich üblich. Man trinkt einen stark gezuckerten Tee mit Ziegenmilch oder, wenn man Geld hat, auch mit Kuhmilch drin. Britisch eben. Das Suaheliwort für Frühstück heißt sogar „chai ya asubuhi“ – Tee des frühen Morgens“.

Anfangs haben wir bei unserem Schulessen „nur“ in der ersten Pause einen warmen Getreidebrei eingeführt, angereichert mit Zucker und Fett, damit die Kinder einfach mal ein Gefühl von Sattheit bekommen und etwas auf die Rippen. Schon damit haben wir die Lernleistung drastisch erhöht. Später dann kam das Mittagessen dazu und dies stellt uns vor eine große Herausforderung. Mit dem Patengeld können wir nicht große Sprünge wagen, denn es muss soviel bezahlt werden. Aber natürlich wollen wir vor allem Eiweiß zuführen. Gar nicht so einfach in einem Land, wo daheim, selbst wenn man die Möglichkeit hätte, keine Milch getrunken und keine Eier gegessen werden. Wir haben anfangs den Familien Hühner geschenkt in der Hoffnung, sie würden es schaffen, die Eier zu „ernten“. Fehlanzeige. Niemand würde das tun, denn da könnte ja ein neues Huhn drin sein, wie man mir erklärt hat.

Schulküche für fast 350 Kinder

Keine Ahnung, was die Menschen glauben, was das für Eier sind, die man dann am Markt zu kaufen bekommt. Eben Eier ohne Huhn drin. Und genau diese Eier ohne Huhn haben wir jetzt eingeführt. Zweimal wöchentlich gibt es für jedes Kind ein Ei, was die Kosten in die Höhe katapultiert, aber große Auswirkungen auf die Lernleistung hat. Einmal zusätzlich Fleisch, ansonsten Bohnen. Und oft als Gemüse dazu Sukuma, eine Art Spinat. Immer ein Stück Obst als Nachspeise.

Und all das kann man sehen, wenn man unsere Kinder vergleicht mit vielen, die einem „draußen“ begegnen. Unsere Kinder sind munter, voller Ideen, fröhlich, nicht so scheu.

Ein Problem stellen weiterhin die freien Tage dar. Selbst nach einem Wochenende kommen die Kinder ausgehungert zurück, und die Lehrer schildern, dass bis zur ersten 10 Uhr-Pause kaum ein ernsthaftes Lernen möglich ist. Schon Tage bevor die Ferien zu Ende gehen, lungern die Kinder am Tor herum und freuen sich. Wahrscheinlich auch auf die Schule, ganz sicher aber auf das Essen, das unsere inzwischen 4 Köchinnen täglich für inzwischen 345 Kinder zaubern. Vor allem für die allerärmsten Familien suchen wir hier noch eine Lösung.

Ihre Gabriela Vonwald

© 2011 Gabriela Vonwald                                                 www.harambee.at

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Über muzungumike

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Eine Antwort zu Gegen den Hunger

  1. Mel schreibt:

    Danke für die interessanten Berichte, schön zu sehen, dass an vielen kleinen Ecken geholfen wird, unabhängig von den aktuellen schrecklichen Bildern in den Medien, die wahrscheinlich bald wieder in vielen Köpfen verblasst sein werden.

    Ähnliche Erfahrungen habe ich an unserer Patenschule auch gemacht. Frisches Wasser und eine warme Mahlzeit am Tag sind gute Gründe für die Kinder, in die Schule zu gehen und Gründe für die Eltern, die Kinder zu schicken. Und ja, so schlimme Bilder wie aus den Flüchtlingslagern blieben uns glücklicherweise erspart, doch das was wir z.T. gesehen haben reicht, um eine Vorstellung davon zu haben, was Hunger bedeutet.

    Ich wünsche weiterhin ganz ganz viel Erfolg für das Projekt. Wir hoffen, dass irgendwann auch unser Verein mit solchen Erfolgen sein 5-jähriges feiern kann.

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