Schule in Kenia Teil 1

Anläßlich des fünfjährigen Bestehens des Vereines „HARAMBEE – Laßt uns etwas gemeinsam tun„, Hilfsorganisation für Frauen und Kinder in Kenia,  habe ich hier die Möglichkeit neben der Darstellung der Ergebnisse auch einen kleinen Überblick zu geben, wie das Schulsystem in Kenia aufgebaut und warum es dringend notwendig ist, solche Initiativen zu unterstützen. Gabriela Vonwald schildert hier mit sehr einfühlsamen Worten und beeindruckenden Begegnungen und Erlebnissen von ihrer Initiative.

„Eine ausführliche Beschreibung der kenianischen Schulsituation findet sich zwar auf unserer Homepage, manche fragen mich aber doch immer wieder nach der Struktur. Warum sitzen in den Klassen Kinder, die so unterschiedlich alt sind, manchmal ein 6jähriger, der gerade mit der Nursery anfängt neben einem dreijährigen. Wie kann es sein, dass in unserer Schule 14 oder 16jährige Kinder in den Klassen sitzen, wo wir doch derzeit nur bis Klasse 4 (das entspricht unserer 4.Klasse Volksschule) anbieten. Und warum überhaupt Nursery und Babyklasse, könnte man sich das nicht sparen und erst mit Primary anfangen? Warum immer wieder von unten die ganz Kleinen dazu nehmen.

Zunächst – in Kenia herrscht Schulpflicht. Theoretisch.  Dazu wurde vor wenigen Jahren kurz vor den Wahlen ein „Geschenk“ an die Bevölkerung gemacht, indem man staatliche Primary-Schulen kostenfrei gemacht hat. (Primary ist eine Mischung aus 4 Jahren Volksschule und 4 Jahren Hauptschule oder besser gesagt, Gesamtschule, also 8 Jahre Pflichtschule). Dieses kostenfrei  ist aber relativ. In jeder Schule besteht die Pflicht zur Schuluniform und zu festen Lederschuhen. Kosten rund 8-10 Euro pro Kind. 20% der Bevölkerung Kenias hat tatsächlich einen Job, wo ein regelmäßiges und verlässliches Einkommen fließt, der Rest ist arbeitslos oder Tagelöhner, verdient manchmal gerade mal einen Euro am Tag. Aber auch kenianische Eltern wollen eine Verbesserung für ihre Kinder, wenn sie denn einsehen würden, dass es tatsächlich eine Verbesserung ist. Aber die staatlichen Schulen sind heillos überfüllt. Teilweise Klassen mit bis zu 120 Kindern, manchmal sitzen die meisten am Boden. Und die Lehrer lassen sich, weil selbst unterbezahlt, jeden Handgriff durch die Eltern zahlen und erwarten immer wieder kleine Extras, sonst ignorieren sie das Kind einfach. Bei 120 Kindern geht das ja nun relativ einfach. Auch Essen gibt es in staatlichen Schulen keines. Also sitzt solch ein Kind nach einem morgendlichen Schulmarsch von einer halben Stunde oder mehr, oft genug ohne Frühstück, denn das kennt man in Kenia nicht, den ganzen Tag bis nachmittags um 16 Uhr ohne Essen mit 120 anderen ebenfalls hungrigen Kindern und unmotivierten Lehrern zusammen.  Viele Eltern sagen sich daher, bevor ich das mache und dafür auch noch das Geld für eine Schuluniform ausgebe, lasse ich mein Kind zuhause, es soll auf dem Feld helfen, in der Werkstatt, in der Küche, auf jüngere Geschwister aufpassen, damit vielleicht die Mutter Arbeit suchen kann, oder vor den Touristenhotels betteln.

Auch als wir begonnen haben, wurden uns die Kinder nach Gutdünken geschickt. Manche Tage ja, andere wieder nein, weil sie zuhause gebraucht wurden. Oder man hat sie geschickt, ihnen aber die kleineren Geschwister zum Aufpassen mitgegeben, weil man auf die große Schwester oder den großen Bruder als Babysitter eben nicht verzichten wollte. Unser Köder war anfangs das Essen, zuerst ein warmer Getreidebrei als Frühstück, dann später das Mittagessen, jetzt sogar 6mal die Woche. Ein Esser weniger zuhause ist ein starkes Argument. Und wir haben schnell klar gemacht, dass wir hier nicht spielen, dass Schulpflicht bei uns heißt, das Kind ist pünktlich um 7.30 in der Schule (auch dies inzwischen kein Problem mehr, nachdem wir dann gleich mal einen gezuckerten Tee servieren;-)), dass JEDEN Tag Unterricht ist und bei einer bestimmten Anzahl an Fehltagen das Kind die Schule verlassen muss, vor allem aber, dass dieses eine Kind bei uns in die Schule geht und nicht noch drei kleine Geschwister. Und dass auch die Mütter und Großmütter nicht in der Mittagszeit auf dem Schulgelände herumschleichen und mitessen, so brutal das vielleicht klingt.

Einhaltung der Schulpflicht durch gute schulische Angebote also, durch Essen, durch kleine Klassen, auch wenn das für unsere Verhältnisse noch immer Mammutklassen sind, das alles haben wir jetzt im Griff. Im eigentlich dritten Jahr des Schulbestehens, denn auch wenn Harambee heute 5 Jahre alt wird, das Grundstück für die Schule habe ich am 1. April 2008 erst gekauft, seit 2009 gibt es normale Schule.

Nächstes Mal geht es um die Nurseryklassen.“

© by Gabriela Vonwald                                                                         http://www.harambee.at

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