Schule in Kenia Teil 2

Nursery, wenn man das hört, denkt man natürlich an einen  freiwilligen Kindergarten, wo man ein wenig spielt und vielleicht soziales Verhalten lernt. Warum gibt es eigentlich bei uns drei Klassen Nursery und sogar eine Babyklasse? Können die Kinder nicht einfach zuhause spielen?

Nursery ist in Kenia verpflichtend für alle Kinder, wenn man später eine Primary besuchen möchte. Der Grund dafür ist in erster Linie der, dass ab der „echten“ Schule der gesamte Unterricht weitgehend in Englisch geführt wird und man von den Kindern erwartet, dass sie zumindest das Alphabet beherrschen und die ersten Zahlen, dass man also gleich beginnen kann mit „Schule“. Das Fatale ist aber, und wohl deshalb ist das kenianische Schulsystem so chaotisch – während die Primary Schule zwar unzulänglich aber wenigstens vorhanden und kostenfrei ist, kosten Nursery Schulen IMMER Geld, weil es sie nur privat gibt. Bezahlt wird pro Trimester, manchmal sieht man ganz einfache primitive irgendwo unter einem Baum, weil ein arbeitsloser Lehrer die Initiative ergriffen hat und sich dadurch wenigstens ein paar Euro verdient, manchmal sind es Initiativen von Eltern, wo eine Mutter oder Schwester Lesen und Schreiben kann und einfach auf Kinder aufpasst und ihnen dann den Besuch bestätigt, und natürlich gibt es auch „richtige“ Nursery. Kosten tun sie wie gesagt immer, von 5 Euro pro Trimester angefangen bis auch schon mal 60 Euro pro Trimester, vor allem, wenn Essen dabei ist (ich selbst hab zwei meiner Kleinen, Sifa und Happy, in solch einer privaten Einrichtung gehabt, weil sie zu weit von unserer Schule entfernt wohnen).

Und hier beißt sich jetzt die Katze in den Schwanz. Eine Familie mit vielleicht 8 Kindern schafft es unmöglich, für alle Kinder die Nursery zu bezahlen.  Wenn alle zusammenlegen, dann vielleicht der älteste Sohn, den lässt man lernen, der ist dann aber auch später mal verpflichtet, die ganze Sippe, die ja für sein Schulgeld gesammelt hat, zu erhalten. Eine unglaubliche Bürde und Grundlage vieler Korruption, denn wenn man einen Job hat, versucht man alles, der gesamten Verwandtschaft ebenfalls davon „abzugeben“, denn die haben einem ja die Ausbildung gezahlt. Meistens aber wartet man auf ein Wunder und darüber vergeht die Zeit. Es kann also schon mal dauern, bis das Kind dann 6 Jahre alt ist, bis man das Geld zusammenhat und es in die Nursery schickt. Und dann ist solch ein Kind eben 12 oder älter und sitzt in der 4. Klasse. Manchmal lässt man ein Kind ein halbes Jahr gehen oder ein Jahr, dann wieder Monate nicht, weil das Geld fehlt. Eine kontinuierliche Ausbildung ab 3 Jahren gibt es nach all meinen Beobachtungen in der normalen armen Bevölkerung nicht. Gar nicht!

Deshalb vielleicht meine für Laien unverständliche Betonung, wie wichtig es mir ist, dass wir die 3jährigen von der Straße holen. Und dass ich, sollte mir jemals das Geld ausgehen, auf keinen Fall auf die Nursery verzichten würde. Dass ich irgendwann später eher noch eine zweite Nursery dazu bauen würde als weitere Primary Klassen. Denn nach einer guten 3jährigen Nursery Ausbildung haben die Kinder zumindest einen Start, können in eine normale staatliche Schule gehen. Irgendwie. Ohne Nursery haben sie alle keine Chance.

Deshalb bin ich auch manchmal so hart, wenn mir Kinder gereicht oder untergeschoben werden, die schon 6 oder 8 Jahre alt sind und nie eine Nursery besucht haben. Es gibt Ausnahmen. Kinder, die irgendwann mal drin waren, dann wieder zuhause wegen Geldmangel, die sehr intelligent und lernbegierig sind und wo ich mir denke, die schaffen das, die können das aufholen. Ich irre mich inzwischen selten, man sieht es in ihren Augen, im Verhalten. Manchmal verlange ich auch von den Familien, die mir ihre Kinder auf den Schoß setzen, dass sie mir ihre Ernsthaftigkeit beweisen sollen. „Schick dein Kind ein Jahr in die Nursery. Ein Jahr. Bettel dir das Geld zusammen. Wenn du das geschafft hast, bekommt dein Kind einen Platz in Nursery 2“. Und manche schaffen das wirklich, präsentieren mir ein Jahr später ihr Kind, stolz. Aus diesen Kindern wird dann auch was, weil sie Eltern haben, die den brennenden Wunsch haben, etwas zu verändern.

Und die Babyklasse? Anfangs hatten wir wie die meisten Einrichtungen ausschließlich Nurseryklassen, allerdings im Gegensatz zu vielen anderen Institutionen nicht alle Altersstufen gemeinsam in einem Raum, sondern von Anfang an in drei Einheiten geordnet. Wir haben dann aber gemerkt, dass viele Kinder tatsächlich erstmal ihre Zeit brauchen, um überhaupt soziales Verhalten zu lernen. Dass man eine Toilette besucht und nicht einfach vor den Eingang pinkelt. Dass man sich vor und nach dem Essen die Hände wäscht. Dass man sitzt und nicht jederzeit aufspringen und spielen kann. Dass bei uns Regeln gelten, zum Beispiel Müll nicht einfach auf den Boden zu werfen, sich untereinander zu helfen, wie man mit einem Buch umgeht. Wir wollen den Kindern die Zeit zum Wachsen geben, die sie brauchen. Und das eher in der Nursery als dann später in der doch nach Leistung verlangenden Primary. Daher lassen wir unsere Kinder auch eher ein oder zwei Jahre länger in der Nursery.

Außerdem haben wir auch behinderte Kinder bei uns, körperlich und seelisch/mental. Ich stand anfangs vor der Entscheidung, diese Kinder, wenn man es denn bemerkt, wieder heraus zu nehmen und in spezielle Schulen zu geben, wo sie, wie ich dachte, vielleicht besser gefördert würden. Es waren meine Lehrer, vor allem Nelly, die mich gebeten haben, ich solle die Kinder doch in der Schule lassen, sie würden sich spezielle Förderungen einfallen lassen und sich besonders kümmern. Unser kleiner David zum Beispiel, Mama bei der Geburt gestorben, hat dreimal die erste Klasse Nursery besucht. Ich wollte schon verzweifeln. Jetzt ganz langsam merke ich, dass man zu ihm durchdringt und er sich am Unterricht beteiligt. Jesca, Linette, Asia, Mbodze, sie alle haben eine ganz ausgeprägte Lernschwäche, aber unsere Lehrer sind da einfach großartig, und inzwischen sehe ich die Entwicklung bei meinen Besuchen (sie sind manchmal frech, ein gutes Zeichen) und auch bereits in den Briefen. Ich selbst hab mit Zuhura und Betty auch zwei solcher kleinen Sorgenkinder, Zuhura ist 9 Jahre, schulisches Niveau wie höchstens 5. Betty ist zwar sehr gescheit, aber so vorlaut und störrisch – ADHS würde man bei uns sagen und Ritalin spritzen –  dass sie kaum zu bändigen ist, schlug sich mit den größten Buben, spuckte die Lehrer an. Inzwischen ist sie Position fünf ihrer Klasse und kann sich – meistens – benehmen. Ohne uns hätten gerade diese Kinder überhaupt keine Chance.

Morgen dann: Wie geht es nach der Primary weiter und warum in der letzten Klasse die Noten zählen.

Ihre Gabriel Vonwald

copyright by Harambee (G. Vonwald)                                                  http:/www.harambee.at

Advertisements

Über muzungumike

Interesse an internationalen Ereignissen, die wenig oder keine Beachtung in der Medienwelt finden, z.B. reale Entwicklungshilfe, lustige Anekdoten, Länderkunde etc.
Galerie | Dieser Beitrag wurde unter Afrikanische Alltagsgeschichten, Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.