Schule in Kenia letzter Teil

Am 1. April 2008 konnte ich endlich unseren Kaufvertrag über das Grundstück in Kilifi in Händen halten. Die Odyssee, die diesem Papier vorausgegangen ist, habe ich ja schon im damaligen Reisebericht geschildert, aber vielleicht interessiert es ja ein zweites Mal.

Kaufverträge und Grundbucheintragungen sind in Kenia eher selten. Man verkauft eine Bauparzelle an Nachbarn und Freunde, weil die sich dort für den erwachsenen Sohn oder die dritte Frau eine Hütte bauen wollen, man schreitet das Grundstück mit zwei männlichen Zeugen ab, bespricht, wo die Grenzen verlaufen sollen, also von dieser Palme bis zu dem Stein und zurück zu dem Busch, alle drücken ihren Daumenabdruck auf das Papier (falls es überhaupt ein Papier gibt und man es nicht gleich mündlich bespricht) und damit ist das Geschäft abgeschlossen und man trinkt Palmwein im Schatten der Hütte. Und jetzt kommt diese seltsame Weiße und verlangt alles schriftlich mit Unterschrift und Rechtsanwalt und fragt nach einem Grundrissplan!! Ich will die Sache abkürzen, die Verhandlung des Preises und die Zahlung waren tatsächlich die leichteste Übung, dreimal waren wir, immer in der ärgsten Mittagshitze beim Rechtsanwalt in Mombasa, 14. Stockwerk eines Hochhauses, Lift außer Betrieb. Immer im Schlepptau den Besitzer, einen damals 89jährigen Mann, der noch nie in Mombasa war, noch nie im Auto gefahren ist, keinen Ausweis besaß, weil man ihm den 1953 gestohlen hatte, und auch immer dabei ein Rucksack voll Geld, denn nur Barzahlung wurde akzeptiert und der größte Schein in Kenia entspricht 10 Euro. Dieses Geld wurde dann beim endgültigen Abschluss dreimal gezählt von drei verschiedenen Personen, was insgesamt eine volle Stunde in Anspruch nahm;-)) Dazu kamen dann noch so Dinge wie, einen Landvermesser zu beauftragen, den Bürgermeister für die Unterschrift an einem Freitagnachmittag zu erwischen, um dann tatsächlich endlich am letzten Tag unseres damaligen Urlaubes den Kaufvertrag und die Grundbucheintragung zu besitzen.

Der nächste Schritt aus der Ferne war die Rodung, händisch natürlich. Alle unsere Mütter haben da tatkräftig geholfen, und dann als erstes Gebäude die Toiletten, weil man uns von Amts wegen mitgeteilt hatte, wenn wir eine Schule planen würden, dann wären Toiletten Pflicht. Und mir war klar, dass man bei mir als Muzungu sicher strengere Kontrollen durchführen würde. Also Toiletten, tief genug, um nicht alle paar Jahre neu anzufangen, das alles in der heftigsten Regenzeit unter einer provisorisch gespannten Plane und mit einer nassen schweren Erde, die immer wieder ins Rutschen geriet. Beaufsichtigt von Karani und per Fotos von mir aus der Ferne. Parallel dazu das Fundament des ersten 5-Klassengebäudes und alles natürlich schon bei laufendem Unterricht, denn wir haben mit dem Grundstück ja die darauf befindliche Nursery mit 70 Kindern in einer großen Lehmhütte mit übernommen. Sobald die Regenzeit vorbei war, wurde diese Lehmhütte abgerissen und der Unterricht unter Makutidächern im Freien abgehalten, daneben bekam ich die ersten Fotos vom Rohbau des Gebäudes. Und ich gebe ehrlich zu, ich bekam manchmal leichte Panik. Was hatte ich da eigentlich begonnen? War ich wahnsinnig? Bis auf ein paar Euro von Freunden (darunter von Anfang an Alinas Vater) kam jeder Euro von mir, und oft genug saß ich am Abend und rechnete mir durch, ob ich das wohl jemals stemmen würde können. Glücklicherweise war das Baumaterial damals noch nicht annähernd so teuer wie heute, sonst hätte ich es wohl nicht gewagt. Gleichzeitig wusste ich aber, ich musste dieses erste Gebäude fertig bekommen, damit ich bei meiner Bettelei zuhause etwas herzeigen konnte. Wer spendet denn für ein lehmiges gerodetes Grundstück und einen Traum? Und natürlich wurde es fertig. Da ich alle meine Fernkurse umleitete als Baugeld sogar innerhalb von nur 4 Monaten, ein geordneter Unterricht konnte also beginnen.

Die ersten Lehrer wurden eingestellt und eine Freiluftküche unter blühenden Büschen mit riesigen Kesseln, wo wir den Kindern ein 10-Uhr-Frühstück servierten, denn die meisten hatten am Vortag abends ein wenig Maismehl oder Bohnen bekommen, die Lernleistung bei hungrigen Kindern war einfach nicht das, was ich für die Zukunft wollte. Wir schafften die ersten Bücher an (ein Buch für 4 Kinder), Schuluniformen, zuerst noch nicht die Eigenkreation, die heute unverwechselbar ist für unsere Schule, sondern zusammen gestoppelte, geflickte, von größeren Geschwistern übernommene.

Weiter ging es mit dem Speisesaal, der Küche (inzwischen hatte ich das Mittagessen eingeführt), einem Lager, einem winzigen Büro. Zu diesem Zeitpunkt gab es beim ersten Gebäude die ersten Reparaturen, vieles war schlampig gebaut oder das billige Material hielt den Belastungen nicht stand. Wir mussten uns vom damaligen Baumeister trennen, der mit der Aufgabe einfach überfordert war, der jetzige wurde eingestellt und als ganz große Entlastung für Karani unser Ferdinand, der viel europäisches Organisationstalent aus Nairobi mitbrachte. Die Toiletten mussten modernisiert werden, inzwischen gab es Wasser, eine Entlüftung wurde eingebaut, Wasserhähne außen, Wasserspülung. Der Speisesaal-Küchentrakt hätte mich finanziell fast umgebracht, denn immer noch war es ausschließlich mein Geld, das da floss. Für das Dach gab es dann den Kredit einer lieben Freundin.

Inzwischen hatten wir unsere Klassen bis Primary 4 hinauf geschraubt, also mussten neue und vor allem andere Lehrer her, und da wir unbedingt die offizielle Registrierung wollten, mussten diese trainiert und auf die allgemeinen Lehrpläne hin gedrillt werden. Ständig ließen wir Inspektoren vom Unterrichtsministerium kommen, und bei jedem meiner Aufenthalte gab es Abendesseneinladungen an alle, die nur irgendwas in Kilifi zu sagen hatten, nebst wunderschönem Kugelschreiber mit Gravur. Und Karani wurde auf Promotion tour gesetzt, Lobbyarbeit sozusagen.  Heute kann ich sagen, es hat sich ausgezahlt. Im Gegensatz zu so vielen Organisationen, die es auch versucht haben, ging bei uns alles reibungslos, alle Behörden sind von diesem Projekt begeistert und legen uns nirgends Steine in den Weg.

Dann das vorerst letzte Gebäude. Als ich die Baupläne das erste Mal sah, fiel ich fast vom Sessel. Ein Gebäude in Hanglage mit einem Stockwerk. Allein das Fundament würde so viel kosten wie der erste Klassentrakt. Aber wir hatten einfach keinen Platz, mussten nach oben planen, denn für irgendwann mal 8 Klassen Primary, 3 Nursery, eine Babyklasse war das Grundstück einfach zu klein. Und die Zeit drängte auch, denn drei Klassen wurden inzwischen wieder wie in der Anfangszeit unter Makutidächern unterrichtet, romantisch vielleicht zum Anschauen, aber unmöglich für das, was wir eigentlich wollen. Also ging ich wieder auf Betteltour, wurden wieder Fernkurse umgeleitet und es gab wieder einen kleinen Kredit von privater Seite, außerdem dann zum Schluss wieder Hilfe von Alinas Vater. Jetzt haben wir die untere Ebene dieses Monstergebäudes fertig und ein kleine Atempause. Allerdings nur eine kleine, denn die Behörden wollen eine zweite Toilette, wir haben einfach zu viele Kinder.  Bevor wir also jetzt ein Stockwerk drauf setzen, wird das in Angriff genommen, eine nur für die Mädchen und weiblichen Lehrer, und zwar europäisch, also nicht nur ein Loch im Boden. Ferdinand ist Feuer und Flamme und ich hoffe, das bis zum Jahresende hinzubekommen.

Während ich das alles schreibe (und es liest sich so einfach), bekomme ich in der Erinnerung leichte Schweißausbrüche. Gut, dass ich nicht wusste, was so auf mich zukommt. Heute weiß ich aber, nichts und niemand wird mich jemals davon abhalten, weiter zu machen, und wir werden alles schaffen. Es ist wie beim Anschieben einer Lokomotive, am Anfang braucht man die meiste Energie, dann rennt es irgendwann mal. Und beruhigend ist auch, dass wir mit den Patengeldern (die übrigens niemals und zu keinem Zeitpunkt für irgendeinen Bauabschnitt verwendet wurden), die ständigen laufenden Kosten des Schulbetriebes gesichert haben. Unsere Armenschule strahlt, mein Mangobaum wächst, die Kinder werden eine Zukunft haben. (Gabriela Vonwald)

© by Harambee (G. Vonwald)                                                                          www.harambee.at

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