2000 Menschen für mehr Demokratie auf dem Augustusplatz – erstes Resümee

"Wir sind 99%" Kundgebung 15.10.11 Leipzig, Augustusplatz / Foto "Echte Demokratie jetzt!"

Ich hatte gestern ja schon kurz ein paar Bemerkungen und Fotos, die ich mit dem Handy gemacht hatte, hier ins Netz gestellt. Heuten nun etwas ausführlicher, nachdem es sich gesetzt hat und ich heute einen Blick in die Presse geworfen hatte, will ich doch noch eine ausführliche Betrachtung folgen lassen.

Ich möchte heute diese kleine, nicht auf Vollständigkeit ausgerichtete Zusammenfassung auch unter ein Motto von Mahatma Gandhi stellen:

„Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du…“

Wollen wir mit einen kurzen Blick auf die Ereignisse vor dem Tag X beginnen. Kaum eine Mitteilung sickerte über die bevorstehenden Protestaktionen an die Öffentlichkeit, eisiges Schweigen in der Medienwelt. Nur kurz zuvor, so zu sagen „Dienst nach Vorschrift“, „wir haben alles in unserer Macht stehende getan“, wurden doch noch schnell Initiatoren interviewt und sind zu Rockstars in der Mendienwelt aufgestiegen. Ein Gewerbe, das sonst sogar das Gras wachsen hört, ist einmal wieder taub auf beiden Ohren gewesen, denn diese Aktion war ja mit Ansage ins Rennen gegangen und zwar vor fünf Monaten! Der Termin stand also fest und unsere Readkteure haben vergessen, sich den Wecker zu stellen und zwar fast alle. Nicht genug das am Anfang der Bewegung „Movimiento 15-M“ und „¡Democracia Real Ya!“  in Spanien kaum etwas zu uns durchsickerte. So ist das Manifest der Aktivisten um einiges länger, als nur Banken zu verstaatlichen, um so der Spekulation Einhalt zu gewähren. Auch war die gestrige, sicherlich  erste gemeinsame, aber nicht die erste Aktion überhaupt. In vielen Studentenstädten, so auch in Leipzig, in denen es spanische Studenten gibt, gehen die Aktionen bis in den Monat Mai zurück.

Die Zahlen sprechen doch schon einmal für sich. In 500 Städten sollte eine Kundgebung am 15. Oktober stattfinden. Am Ende waren es knapp die doppelte Anzahl, in 82 Ländern weltweit. In Deutschland gingen mehr als 40.000Menschen in über 50 Städten auf die Straße. Trotz des Informationsembargos ein Resultat, das sich sehen lassen kann.

In den nun heute veröffentlichten Print- und online-Berichten stellen die Medien eine sehr einseitige, auf die Banken ausgerichtete, Sichtweise dar. Da wird von der „Angst vorm Untergang (faz) und „Mittelständler gehen auf die Straße, weil sie Angst um ihre Existenz haben“ oder „weltweite occuty Märsche“ (spiegel) berichtet und gehen weit an der Realität vorbei. „Die Sueddeutsche“ stolpert in ihrem Kommentar von Heribert Prantl mit ihrer Rechnung „David gegen Goliath, 1 versus 99 Prozent, die Menschen gegen das Finanzsystem“ an der Prozentrechnung und selbst die taz bekleckert sich nicht gerade mit Ruhm in ihren Darstellungen. Politiker suchen die Flucht, allen voran die FDP, und erklären ihren Busenfreund, die Banken zum Staatsfeind Nummer eins (spiegel online), obwohl sie ja aus deren Tasche ein gutes Leben führen. Ist die Welt wirklich so crasy, hören wir nur die Kapelle die zum Untergang spielt noch nicht oder sollen wir es nur so wahrnehmen? Da liegt doch eine gewisse Art von Zensur in der Luft? Wo dieses Virus, das Transparenz weiter gefährdet und Demokratie unmöglich macht, herkommt, soll hier mal ganz außen vor gelassen werden.

Leider war es schon eine echte finanzielle Herausforderung mit der Deutschen Bahn nach Leipzig zu reisen. Bei den Preisen verstehe ich dann schon wieder, daß an anderen Orten nur Mittelständische gesichtet worden sein sollen, weil sich ein Lohnabhängiger oder gar ein Harz IV-Empfänger gar nicht erst hat es aus seiner sozialen Hängematte herauszuschälen brauchte, weil er schon den Fahrpreis hätte kaum aufbringen können. Aber Ironie bei Seite, ich gebe ja zu, ich hätte mich gefreut, wenn manche, die von der Kundgebung erfahren hatten, gerade bei dem schönen Wetter auch nach Leipzig mitgekommen wären. Aber das ist ja nun Schnee von gestern.

Ich habe mich heute schon persönlich bei den Veranstaltern für die Organisation bedankt. Weiß ich ja aus eigener Erfahrung, wie viel Arbeit und um die Ohren geschlagene Nachtstunden dahinter stecken. Alles in Allem war es eine gelungene Veranstaltung. Was mir ein wenig zu kurz kam, war die Möglichkeit sich auszutauschen, also nicht nur seine Meinung am offenen Mikro Kund zu tun… Aber wer wollte, konnte schon mit den Leuten von den Ständen und dem Veranstalter ins Gespräch kommen. Das ist aber wie gesagt, meine persönliche Meinung und die kann man es ja so wie so nicht für alle Recht machen.

Kleiner gewagter Ausblick:

Wer hier von Revolution oder „Die Globalisierung weckt ihre Kinder“ gesprochen und damit indirekt auf „Eine Revolution frißt ihre Kinder“ anspielt hat, betreibt in meinen Augen pure Angstmache, die bekanntlich nur dem nutzt, der sie nicht hat. „Liebe Bürgerinnen und Bürger sie brauchen keine Angst haben, wenn sie auf uns auch weiterhin vertrauen und sich nicht für sich selbst einsetzen, nehmen wir ihnen in den nächsten Jahren, die noch verbliebenen Grundrechte, auch noch weg, die geeigneten Politiker haben wir schon für sie ausgewählt und sind gerade dabei, sie umzuschulen!“, das Kapital.

In dem letzten Jahren ist die soziale Schieflage immer deutlicher geworden und Dank engagierter Menschen, die das Internet für freie Information nutzen, sickert immer mehr durch. Wie viele Verbrechen sind im Namen der Kapitalmaximierung an uns und der Natur, deren Fortbestehen an vielen Orten der Welt auf Schlimmste bedroht ist, verübt worden? In jedem Augenblick, in dem ich hier ein Wort niederschreibe, stirbt ein Kind an den Folgen von Unterernährung  und fehlendem sauberen Trinkwasser, Tendenz steigend! Ist es verwunderlich, das in allen Teilen der Welt Menschen beginnen, sich  gegen diese Macht zur Wehr setzen? Nein!

Wer heute davon ausgeht, das es schnell eine neue Lösung für alle die bestehenden Schwierigkeiten geben wird, wird spätestens in einigen Monaten enttäuscht die Hände wieder in den Schoß legen, wenn die Zahlen der Demonstranten zurückgehen oder es zu Ausschreitungen kommen wird. Das Polizeiaufgebot provoziert es ja nicht selten durch die Art des Vorgehens selbst, siehe Stuttgart, Gorleben, um hier nur deutsche Beispiele anzuführen. Auch ist nicht klar, wie mit den Menschen umgehen, die auf der anderen Seite stehen. Sie wieder zum Feind erklären und dann an den Pranger Zeit ihres Lebens stellen, wie vor 20 Jahren? Die Rufe sind laut danach! Ich glaube, das dies nicht der neue Weg sein kann. Wenn jemand ernsthaft bemüht ist, sollte er in dieser neuen Bewegung seine neue Heimat finden dürfen.

Ich habe es schon an vielen Stellen betont, wir stehen an einer Schwelle, die von uns allen ein Umdenken und eine Neubesinnung verlangt, eine Herkules- und Sisyphus-Aufgabe zugleich. Wir stehen an Beginn eines langen Prozesses, der vor Jahrzehnten undenkbar erschien, aber vor Jahren schon begonnen hat, sich heute als „global chance“ manifestiert und der vielleicht unsere letzte Chance ist, ein würdevolles Leben, miteinander, auch für unsere kommenden Generationen zu ermöglichen. Wie dieser Weg auszusehen hat, müssen wir bestimmen, nicht unsere Regierungen im heutigen Format. Friedlich sollte er sein, das sind wir den Opfern von Gewalt in der Geschichte einfach schuldig, das wir es besser, eben gewaltfrei lösen. Fangen wir an, über uns selbst nachzudenken und verändern wir uns an den Punkten, wo wir es dringend für die Welt ansehen, um Mahatma noch einmal aufzugreifen. Ich wünsche uns Durchhaltevermögen, um diese schwierige Aufgabe, vielleicht die Größte der Menschheit überhaupt, meistern zu können.

Advertisements

Über muzungumike

Interesse an internationalen Ereignissen, die wenig oder keine Beachtung in der Medienwelt finden, z.B. reale Entwicklungshilfe, lustige Anekdoten, Länderkunde etc.
Galerie | Dieser Beitrag wurde unter Piratensender abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.