Eine Reise in eine vergessene Welt – (k)eine Weihnachtsgeschichte

Heute möchte ich als Gastbeitrag den Anfang einer Reisegeschichte hier veröffentlichen, die Franz K. in den letzten Tagen erlebt und nieder geschrieben hat. Ich wünschen Ihnen gute Unterhaltung und vielleicht habe ich Sie ja dadurch neugierig gemacht auf einen Schlag Menschen, der es wert ist, kennengelernt zu werden.

Wer eine Reise unternimmt, hat immer etwas zu berichten und so ist es nicht verwunderlich, das mir dies auch auf dieser, für mich nicht alltäglichen, Reise so ergangen ist.

Wenn ich schreibe, „eine Reise“, bringe ich damit schon zum Ausdruck, daß es nicht die Erste war und sicherlich auch nicht die Letzte gewesen sein wird. So wie man bestimmte Unternehmungen oder Handlungen häufiger wiederholt ohne zu wissen, wann man sie ein letztes Mal vollziehen wird, aber selten genug, um Augen und Ohren offen zu halten, die feinen Schwingungen, die einen umgeben, wahrzunehmen.

Die „vergessene Welt“, die ich bereiste hat schon bessere Zeiten erlebt. Sie gleicht dem Dornröschenschloß, dessen Retter noch weit von ihn entfernt ist, langsam in Vergessenheit gerät, die Hecken ringsherum in den Himmel wachsen und an den Mauern und Prachtstraßen der Verfall begonnen hat, aber das Leben für den Koch und den Stallknecht weitergehen muß. Nur noch vereinzelt dringen, einem Mythos gleich, Nachrichten zu uns, die unsere Vorstellungskraft übersteigen. Damit will ich nicht zum Ausdruck gebracht haben, daß sie die Einzige Vergessene ist. Sie steht heute vielleicht nur symptomatisch, stellvertretend, für viele. Wir erzeugen fast täglich Neue.

Nun habe ich Sie, lieber Leser, lange genug auf die Folter gespannt und werde beginnen, das Geheimnis langsam lüften, wie ein Zauberer der Stückchenweise sein Tuch hebt, um den Inhalt seines Hutes zu präsentieren.

Es gleicht fast einem Härtetest, wenn man in mehr als 24 Stunden Busfahrt nur einen Zeitunterschied von einer Stunde auf der Weltzeituhr gewonnen hat, um ihn auf der Rückreise wieder zu verlieren. Es hat aber auch seinen ganz besonderen Reiz. In zwei Stunden Flugzeit könnte man auch am Ziel sein. Steigst du aber in einen Bus ein, begegnet dir das reale Leben vom ersten Augenblick an. Du hast Zeit und die Sprache kehrt, auf leisen Sohlen wie ein scheues Tier, langsam zu Dir zurück und du kommst mit den Reisenden – Mitgefährten – ins Gespräch. Außerdem ist es finanziell die unschlagbarste Variante, also nachhaltig für den eigenen Geldbeutel.

Ich bestieg also den Bus, um Freunde, „Moije Drusijami“, in Zhitomir, Ukraine, zu besuchen, 1400 Kilometer sind kein Pappenstiel. Doch lassen sie mich an dieser Stelle ein wenig weiter ausholen und auf Zusammenhänge hinweisen, die vor meiner Reise lagen.

Die Ukraine Teil des Mutterlandes Rußlands hat in seiner mehr als 1000 Jahre währenden Geschichte viel durch gemacht und vielleicht ist dies der Grund für das stoische, tiefe melancholische Grundwesenwesen vieler Ukrainer. Sie scheinen von jener Rasse abzustammen, die, dem Obelix gleich, zu tief in das Faß der Emotionen gefallen sind. Jedem Gespräch, das sie führen, wird scheinbar die Wichtigkeit einer diplomatischen Handlung gegeben, so dramatisch betont werden die Gespräche geführt. Es wird lauthals gelacht und tief schluchzend geweint.

Dieses Land wurde im Großen Vaterländischen Krieg an vielen Stellen fast völlig dem Erdboden gleich gemacht und vor 25 Jahren durch das Reaktorunglück erneut bis tief ins Mark erschüttert, um nur zwei Beispiele aus der jüngeren Geschichte zu erwähnen, dessen Auswirkungen bis heut noch spürbar sind. Die großen Katastrophen sind für alle sichtbar, die Kleinen, alltäglichen, nicht minder erschütternden, bleiben den meisten Menschen unsichtbar und werden in ihrer Dimension nur für jene deutlich, die sie vor Ort erleben.

Es scheint hier die Zeit ins Stocken geraten zu sein, die alte Zeit ist stehen geblieben und die Neue hat nur für Wenige begonnen. Einst die Kornkammer Europas sind sie heute scheinbar weiter von Europa entfernt als die Türkei oder Israel und gleicht heute mehr einer Müllhalde vor der großen Ansiedlung „Europa“. Nach Glasnost und der Unabhängigkeit, durch Krisen gezeichnet, hat sie immer noch nicht den Zustand in der Produktionsniveau von 1991 wieder erreicht. Die Korruption im heutigen Umfang ist nicht die Urasche für das Mißmanagement, sondern die Folge des freien Falls aus einer schlechten Planwirtschaft in die freie Marktwirtschaft.  Nur noch winzige Bruchstücke der sozialen Absicherung wurden in abgeschwächter Form hinüber gerettet. So euphorisch wir die „orange Revolution“ bejubelt hatten, so schnell haben wir sie wieder vergessen. War vor Jahren das Land noch interessant für das internationale Kapital, ist es jetzt weiter gezogen und produziert auch für diesen Markt seine Waren woanders, denn die großen Markenführer haben auch hier die inländische Produktion in vielen Bereichen vom Markt verdrängt.

Als ich vor fünf Jahren, kurz nach meinem Aufenthalt in Afrika, das Land, nach seiner Unabhängigkeit, das erste Mal wieder besuchte, glaubte ich meinen Augen nicht trauen zu können. Was war aus den Städten geworden, die ich reichlich zwanzig Jahre zuvor als Tourist bereist hatte? Zugegebener Maßen haben viele slawischen Völker es im Alltag nicht so mit den Farben, sie sind eher Praktiker und schaffen für die Ewigkeit, selten machen sie dort Kompromisse. Es ist fast eine Iornie, denn ohne diesen Hang wären viele Wohnstätten heute praktisch unbewohnbar, da Reparaturen und Instandhaltung praktisch nicht durchgeführt werden. Dazu ist weder in öffentlichen Bereich noch bei privaten Eigentum für diese Zwecke Geld vorhanden. Die Nebenstraßen in den Schlafstädten waren nach einem sommerlichen Regenguß ebenso wenig befahrbar, wie ich es wenige Wochen zuvor, während der Regenzeit, in Kenia erlebt hatte. ein Freund sagte mir mal scherzhafter Weise, „zwischen der Ukraine und Afrika gibt es heute nur noch zwei wesentliche Unterschiede, die Hautfarbe und in der Ukraine gibt es einen Winter!“ Die ehemals liebevoll gestalteten Stadtparks, Kindergärten, Spielplätzen und Springbrunnen lassen in ihren Rudimenten noch die Kunstfertigkeit seiner Gestalter erahnen. Eine Statur des ersten Fliegerkosmonauten scheint, samt den Tauben, die auf ihm ruhen, eher aus dem versiegten Springbrunnen, fort von diesem Ort, in den Himmel fliehen zu wollen, als den Aufbruch in eine glücklichere Zeit darzustellen.

Das uns vermittelte Bild, was auch täglich über die Mattscheibe in der Ukraine flimmert, steht in vielen Fällen zu dem Alltag, den man auf den Straßen und bei Feiern im Alltag erlebt, im krassen Widerspruch zu den Erfahrungen, die am selbst machen kann. Die überwiegende Mehrheit sind freundlich, vor allem gastfreundlich, fleißig, höflich und haben gern auch einen Scherz auf Lager. Sicherlich und dies ist nicht zuletzt den Lebensumständen geschuldet und teilweise auch alten Traditionen, stellen Alkoholismus und HIV heute Probleme dar, die nicht zu übersehen sind.

verfaßt von: Franz K.

hier kann weiter gelesen werden –> Zweiter Teil

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Über muzungumike

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4 Antworten zu Eine Reise in eine vergessene Welt – (k)eine Weihnachtsgeschichte

  1. Dr. Martin Bartonitz schreibt:

    Hi Mike, das war eine Eva 😉 Magst Du noch korrigieren? LG Martin

    • muzungumike schreibt:

      keine Frage schon erledigt, peinlich, peinlich 😉

      Kleiner, großer Nachtrag. Die Geschichte ist für einen blog einfach zu lang und die Folgegeschichte auch schon in Arbeit. Wer Lust hat mehr zu lesen, den bitte ich hier weiterzulesen –>

  2. Eva schreibt:

    Danke für einen – ersten – kurzen Blick auf eine vergessene, mir unbekannte Welt – eine von vielen. Bin neugierig auf die Fortsetzung.
    Lieben Gruß
    Eva

    • muzungumike schreibt:

      Hallo Eva, ich begrüße Dich in der Welt der allgemeinen Verunsicherung und vielen Dank für Deinen Kommentar. Ja diese Welt erschließt sich schon auf Grund der sprachlichen Barriere für viele sehr schlecht und so erleben viele genau wie in anderen touristischen Einrichtungen der Welt eine virtuelle Oberfläche, die mit dem realen Leben nicht all zu viel zu tun hat.
      Ich glaube, man sollte sich die Mühe machen, anders seinen Urlaub zu planen. Start dafür ist der Entschluß, ich sage mal ein Jahr davor, dann sucht man sich den entsprechenden Sprachkurs bei der Volkshochschule, liest viel über das Land, sucht sich eine Stadt und ein Hotel aus und fährt einfach hin. Am Ende wird man feststellen, die Reise war wesentlich billiger, Du hast unglaubliche Dinge erlebt, die Dir kein Reiseanbieter auch annähernd bieten kann und Du hast eine neue Sprache im Ansatz gelernt. Meine Erfahrung sagt mir, sprich jemanden in seiner Sprache an, laß es ruhig nicht ganz korrekt sein, er sieht ja das Du nicht dort hingehörst und er wird Dir behilflich sein. Es ist nicht gefährlicher, wie wenn Du mit Alltour fliegst und eine kleine Restgefahr ist immer vorhanden – wer sich aus dem Haus geht, begibt sich in Gefahr (chin. Sprichwort) Viele Grüße Mike

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