Eine Reise in eine vergessene Welt (2. Teil)

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Aber kehren wir jetzt zu den Ereignissen der letzten Tage zurück. Da der Bus nur aus einigen Städten als Linienbus in die Ukraine verkehrt, hatte ich am Morgen noch eine Strecke mit der Bahn zurückzulegen. Ich war recht aufgeregt, da ich das erste Mal mit einem ukrainischem Busunternehmen fuhr und so auch die Fahrkarte in russisch bestellt hatte und nicht wußte, ob alles richtig war. Mir gegenüber saß im Zug ein älterer Herr und wir kamen, was auch für die Bahn nicht mehr so üblich ist, ins Gespräch. Er kam aus Bayern und ich konnte seinen Schilderungen entnehmen, das er viel rumgekommen war. Natürlich unterhielten wir uns auch über mein Reiseziel. Er berichtete mir von seinen Eindrücken mit den Russen, die er in Kitzbühel gesammelt hatte und nicht gerade positiv, um es vorsichtig zu umschreiben, ausgefallen waren. Ich versuchte ihm klar zu machen, das solche reichen Russen sicherlich nicht repräsentant für das ganze Volk sind und deshalb nicht verallgemeinert werden könnten. Ich hatte in meinen Begegnungen in der damaligen Sowjetunion und jetzt in der Ukraine sehr viele gute Erlebnisse und kannte die Schwierigkeiten sehr wohl, die in diesem Land vorhanden sind. Wir verabschiedeten uns und ich stieg aus.

Ich war rechtzeitig gefahren, da ich bis zu dem Augenblick nicht genau wußte, wo der Bus abfuhr. Nach einem nochmaligen Anruf bei der Auskunft und der Nachfrage in der Information am Bahnhof fand ich dann mühelos die Haltestelle, von der Bus abfahren sollte. Ich hatte noch etwas Zeit, schlenderte mit meiner Tasche und der Gitarre über den Weihnachtsmarkt, wurde von vielen Seiten wie ein Außerirdischer beäugt und billigte mir noch eine Thüringer Bratwurst, die ich sehr genoß. Als ich zum Haltepunkt zurückkehrte, war ich immer noch der Einzige und es kamen in mir wieder leise Zweifel auf, wirklich alles richtig verstanden zu haben. Es ist ziemlich schwierig, wenn man eine Weile nicht die Sprache benutzt, dem Tempo zu folgen und alle wichtigen Informationen aus den Telefonaten herauszufischen. Der Zeitpunkt der Abfahrt nahte und es waren weder weitere Reisende noch der Bus in Sicht. Da ich von der Auskunft des Busunternehmens eine Funknummer erhalten hatte, rief ich dort jetzt an und erfuhr, das sich die Abfahrt zirka um eine halbe Stunde verspäten wird.

Langsam fanden sich an der Haltestelle einige Reisende ein und mir fiel ein Stein vom Herzen. Für ein geübtes Auge fallen Russen und Ukrainer gleich auf, auch ohne das sie ein Wort sprechen. Es läßt sich kaum beschreiben, aber sie haben eine Art sich zu kleiden, die sich von der Unsrigen nur um wenig unterscheidet, aber ausreicht, das man sie als solche ausmacht. Diesmal war es noch viel einfacher, da viele von ihnen mit reichlich Gepäck an der Haltestelle ankamen. Es fanden sich ganze Familien ein, die Angehörige verabschiedeten, die nach Hause in die Ukraine fuhren. Mir wurde bewußt, wie tief beide Völker seit Jahrzehnten schon verbunden sind und Kinder völlig selbstverständlich auch in diese Richtung zweisprachig aufwuchsen. Neben den Familien fanden sich noch einige junge Frauen, mit wenigen Gepäck, an dem Haltepunkt ein, die hier wahrscheinlich auf Grund der erleichterten Transitbedingungen, seit den 90-er Jahren, einer befristeten Arbeit, meist sehr schlecht bezahlten, oder einem zweifelhaften Gewerbe nachgingen, um zu Hause die Familie mit durchzubringen. Vor kurzem habe ich erst einen Bericht über die Kinder dieser Familien gelesen und wie viele Kinder es betrifft. Es sind fast ausschließlich alleinstehende Mütter, die sich gezwungen sehen, diesen Schritt zu unternehmen, weil zu Hause zwei Ernährer notwendig sind, um ein bescheidnes Dasein fristen zu können. Die Kinder leben dann für Jahre von der Mutter getrennt bei Verwandten und werden nicht selten sprichwörtlich stiefmütterlich behandelt, das sie traumatisiert aufwachsen, in der Schule zurückbleiben und damit selbst wenig Zukunftschancen haben. In den letzten Jahren ist nach meinen Beobachtungen an den Haltestellen die Zahl deutlich zurück gegangen, da durch die Geldentwertung der Grivna (ukrainische Landeswährung), der hier schon kaum noch wechselbar ist, ständig fortschreitet. Das bedeutet, das man den Euro nur noch in Dollar in dieses Land versenden kann, um ihn dort in die einheimische Währung zu wechseln, was einen weitern Verlust und damit zusätzlich noch eine künstliche Entwertung mit sich bringt. Um dies weiter zu verdeutlichen, hier noch ein kleiner Vergleich. Im Frühjahr 2008 lag der Kurs noch bei 1 € zu 6 Grivna, aktuell liegt er bei 1 zu 10,65 (in der Ukraine). Auch die hier wie dort steigenden Lebenshaltungskosten (in diesem Jahr in der Ukraine Preissteigerungen von ca. 30%) sind es, das sich seit der Einführung des Euro, der Aufwand für die Meisten nicht mehr lohnt. Damit ist nicht gesagt, das die Lage für die betreffenden Familien besser geworden ist, sie müssen nur nach anderen Wegen suchen, um sich zu ernähren, zu kleiden und zu wohnen. Ähnlich wie in vielen anderen slavischen Ländern leben Familien oft über mehrere Länder verteilt, haben aber über viele Jahre und Kilometer hinweg ein tiefes Zusammengehörigkeitsgefühl, das sich für uns Mitteleuropäer nur sehr schwer erschließen läßt.

Nach einer Stunde Verspätung traf dann der Bus endlich ein. Er war schon fast bis auf den letzten Platz besetzt und die Gepäckboxen reichten schon nicht mehr aus, um alles aufzunehmen. So wurde im Fahrgastraum jede freie Ecke noch genutzt, um Koffer, Taschen und kleine Kisten unterzubringen. Damit war auch die Ursache geklärt, warum der Bus eine Stunde später eintraf. Ich war froh, nur das Notwendigste an Gepäck mitgenommen zu haben, was ich bequem um mich herum verstauen konnte. Nun fuhren wir noch Dresden an und als wir von dieser Haltestelle abfuhren, war kein Platz mehr frei. Vor uns lagen jetzt noch rund 22 Stunden Busfahrt, bevor ich in Zhitomir aussteigen sollte. Solche langen Fahren, bei denen man nicht aktiv beteiligt ist, eignen sich gut, auch die Gedanken mal auf Reisen gehen zu lassen und so gingen sie bei mir auch auf ihre eigene Reise, die ab und zu mal die Gegenwart, wie an einer Kreuzung, berührten, um gleich darauf wieder in einer Nebenstraße zu verschwinden. Ich saß in der letzten Reihe und hinter mir türmte sich das Gepäck. Dadurch konnte ich meinen Sitz nicht nach hinten zurückstellen und so mußte ich diese Nacht im Sitzen verbringen. Mir wurde klar, viel Schlaf werde ich in dieser Haltung wohl nicht finden. Vor meinem geistigen Auge taten sich Bilder von meiner Reise von Lamu nach Mombasa im Bus auf, die aber nur acht Stunden dauerte. Ich war froh, das wenigstens dieser Bus in einem wesentlich besseren Zustand war.

Der Tag neigte sich seinem Ende entgegen und ein herrlicher Vollmond beleuchtete die Nacht. Ich wechselte einige Worte mit meinen Nachbarn und schaute mir dann die Filme auf dem Monitor an. So unwirklich wie viele Filme bei uns sind, so ist es auch hier, nur konnte ich das Gefühl nicht loswerden, das gerade in der Kunst der Hang alles zu dramatisieren, noch auf die Spitze getrieben wird. Man mußte kein einziges Wort verstehen und konnte doch der Handlung bis ins Detail folgen. Wir erreichten Polen, wurden kurz kontrolliert und hatten somit bekanntes Terrain hinter uns gelassen. Es gab Tee oder wahlweise Instandkaffee aus der Buskombüse und fuhren in die Nacht. Der Vollmond versilberte die Landschaften und so war es noch möglich, einen Blick von den vorbeifliegenden Landschaften zu erhaschen. Nach mehreren Stops, die für mich eine Linderung der Schmerzen in Gesäß- und Rückenbereich bedeuteten, erreichten wir in den frühen Morgenstunden, gegen 4.00 Uhr, die polnisch-ukrainische Grenze und hatten reichlich eine Stunde später die Prozedur ohne große Schwierigkeiten hinter uns gelassen.

Landschaften gehen nur selten abrupt in eine andere über, so wie ein Ton noch eine Weile nachschwingt und sich mit dem Folgenden vermischt. Mit den Welten ist das ebenso. Langsam ging die letzte Stunde der Nacht, die Dunkelste, wie Mystiker behaupten, vorbei, der Mond stand im Westen noch am Himmel, da kündigte sich im Osten, in ein strahlendes Morgenrot getaucht, schon der kommende Morgen an.

verfaßt von: Franz K.

Fortsetzung Teil 3

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