Eine Reise in eine vergessene Welt (Dritter Teil)

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Wir fuhren jetzt durch eine Gegend, in der Buchen, Ahorn und Schwarzerlen den Kiefern und Birken noch ebenbürtig sind, denn wir befinden uns an den nördlichen Ausläufern der Waldkarpaten, die die größten zusammenhängenden Urwälder Europas noch beherbergen. In kleinen Ansiedlungen stehen die Häuser dicht zusammengerückt, als würden sie gegenseitig vor in den Wäldern hausenden Ungeheuern Schutz suchen. Sie tauchen an den Straßenrändern auf, um genauso schnell wieder hinter uns zu verschwinden. Die Häuser sind schlicht und für das Auge wohlproportioniert. Ihr Alter ist oft sehr schwer zu schätzen und manche Ansiedlungen haben eine Hauch von Vergangenem an sich haften. Hier stehen noch Holzhäuser neben Steinbauten, wie in weiten Teilen des ganzen Landes. Nicht selten sind den kleinen Häusern, auf der Südseite als Eingangsbereich, eine kleine Veranda oder eine Art Wintergarten mit vielen kleinen quadratischen Glasscheiben vorgelagert, die den flurlosen Räumen dahinter als Wärmepuffer im Winter und gleichzeitig Aufbewahrungsort dienen. Die frühere Ried- oder Blechdachung ist heute oft Welleternit oder Asbestplatten, manchmal sogar Ziegeln gewichen. In den riesigen Weiten sehen diese Ansiedlungen sehr verloren aus, aber Dank der guten Verkehrsanbindung sind heute diese kleinen Dörfchen in der Westukraine gut und schnell zu erreichen.

Ich zählte schon die Stunden, wie lange das Sitzmartyrium noch dauern wird, da erreichten wir am Morgen unsere erste Station, die Stadt Lviv in der Ukraine. Vielen wird die Ortsbezeichnung Lwòw oder Lemberg sicherlich mehr sagen. Es ist schon sehr viele Jahre her, als ich diese Stadt einmal besuchte und Erinnerungen werden, wie hinter einem Nebel liegend, wage wieder wach. Wir erreichten den hiesigen Busbahnhof, erste Reisende hatten das Ziel oder eine Zwischenstation ihrer Reise erreicht, begannen sich anzuziehen und mit ihrem Gepäck den Bus zu verlassen. Hier und da wurden noch ein paar Grüße gewechselt und schon verließen sie die Haltestation. Für mich war es die Gelegenheit die Füße zu vertreten und nach den letzten Stunden ein bißchen frische Luft zu schnappen. Als ich den Bus verließ, schauten mir auf dem Bürgersteg vier große Hundeaugen entgegen, die darauf warteten, etwas Freßbares erbetteln zu können. Die letzten Jahre war ich immer nur im Sommer gereist und da waren mir streuende Hunde nur selten begegnet. Diesmal sollten sie mir ständig begegnen. Wenig später sprach mich eine ältere Dame wegen ein wenig Geld an. Es tat mir leid, ich konnte ihr kein Kleingeld geben, denn wie schon erwähnt, ist es nur noch auf Bestellung möglich in Deutschland Geld in Grivna zu wechseln. Da es mehr als ein kurzfristiger Entschluß war, hatte ich es gar nicht versucht. Ich mußte später auch feststellen, das hier Geld zu tauschen wesentlich günstiger war. So ging sie wie auch alle noch Folgenden bei mir leer aus. Aber es fanden sich genügend Reisende, die ihnen Geld zusteckten. Dies war, ebenso wie die streuenden Hunde, die ich zwar schon in der Ukraine erlebt hatte, aber nicht in dieser Menge vorfand, für mich neu.

Es ist schon ein sonderliches Bild, das man auf den ersten Blick nicht ganz verstehen kann. Selbst an einem so belebten Ort, wie ihn Bahnhöfe ja darstellen, ist alles sauber und man würde selbst nicht auf den Gedanken kommen, etwas einfach fallen zu lassen, weil man das Gefühl nicht los wird, der nächste Passant würde uns am Kragen schnappen und uns auf unser Fehlverhalten mit Nachdruck aufmerksam machen. Aber alle Gebrauchsgegenstände, Kioske und Gebäude weisen schon Spuren von jahrzehntelanger Benutzung auf, als ob man gleichzeitig eine Reise in die Vergangenheit unternimmt.

Zu Lviv ließe sich noch viel erzählen. Es ist eine wunderbare, grüne Stadt, mit Gebäuden aus vielen Epochen, Universitäten, Theatern und herrlichen Parks, die eine sehr wechselvolle Geschichte erlebt hat, wie es ja für viele Städte zutrifft, die in Grenzregionen liegen. Da sie über mehr als hundert Jahre zur k.k. Monarchie gehörte, verwundert es auch nicht, das man immer noch Menschen antrifft, mit denen man sich in etwas gebrochen Deutsch verständigen kann. Aber dazu war diesmal keine Gelegenheit und so stieg ich wieder in den Bus, um an das Ziel meiner Reise zu gelangen.

Nun lagen noch reichlich fünf Stunden Fahrt und ein weiterer Halt in Rivne oder Rowno vor mir. Auf meiner letzten Reise, die sehr abenteuerlich war, hatte ich dort auch Halt gemacht. Aber davon später. Ich hatte es ja im Voraus schon erwähnt, es wurde im vielen Kriegen erbittert um diese Region gekämpft, die das Land und seine Menschen geprägt haben. Ich erwähnt nicht umsonst den 2. Weltkrieg, der hier so nicht genannt wird. Durch scheinbar unzählige Denkmäler wird man immer wieder auf’s Neue daran an diesen opferreichen Krieg erinnert. Es ist schier unvorstellbar, was sich hier in der Zeit der faschistischen Besetzung und ihrer Befreiung ereignet hat, so das ich nicht umhin kann, es wenigsten mit wenigen Fakten zu streifen. Die nördliche Region der Waldkarpaten war über viele Jahrhunderte verstärkt durch Juden besiedelt, urbar gemacht worden und machten in den Städten, die ich gerade mit dem Linienbus anfuhr, wie auch in Zhitomir teilweise 30 bis 50 Prozent der Bevölkerung vor dem Großen Vaterländischen Krieg aus. Allein in den drei Städten und ihrer Umgebung fielen dem Holocaust während der deutschen Besatzung, durch Massenerschießungen und in Gefangenen- und Konzentrationslagern rund 500.000 Juden zum Opfer.

Langsam kletterte die Sonne aus ihrem Bett und ein strahlend schöner Morgen nahm uns auf. Ich sah mir die Landschaft an und zählte die Stunden. Den längsten Teil der Reise hatte ich nun hinter mir und freute mich auf das Wiedersehen mit meinen Freunden. Draußen hatte sich das Bild nun vollends verwandelt. Die Automarken, die für uns alltäglich sind, kamen immer spärlicher vor. Dafür kamen uns alte russische LKW, Kamaz, GAZ, ZIS 150, ZIL 130 und Ural entgegen und dar Lada sowie Moskwitsch beherrschten den Personenverkehr. Dieses Bild war mir ja viele Jahre als DDR-Bürger vertraut und so war es fast als führe ich nach langer Zeit wieder nach Hause. Ich packte meine letzten Brote aus und aß genüßlich meine Mahlzeit, denn wir waren jetzt kurz vor dem vorletzten Halt auf meiner Reise. Der Bus hatte ja noch eine Station mehr, da die Endhaltestelle für ihn ja Kiew war.

verfaßt von: Franz K.

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