Ist Wohlstand vielleicht doch eine Krankheit?

(Auszug desEssays, verfaßt von Franz K.)

Sie, lieber Leser, werden sicherlich jetzt erst einmal laut protestieren und ausrufen wollen, „Jetzt ist ER wohl ganz verrückt geworden!“ Ich weiß, daß bei diesem Thema die Meinungen sehr stark polarisiert sind und werde mich ihm heute, es gehrt schon eine Weile in mir, pathologisch nähern. Ich kann das Ende selbst noch nicht vorhersagen und so erleben sie, so zu sagen vor laufender Kamera, meine Untersuchungen am offenen Herzen. Verzeihen Sie mir, das ich vom geraden Weg der Beweisführung abweichen werde, weil ich der Meinung bin, das diese scheinbaren Nebensächlichkeiten, die ich streife und es sind bei Weitem nicht alle, Bausteine unseres Zustandes sind.

Ich stimme Ihnen zu, auf den ersten Blick klingt diese Annahme ein wenig weithergeholt, ja sogar abwegig, wenn ich das mal so bezeichnen darf. Aber setzen sie sich ruhig hin und verfolgen Sie meine Untersuchungen. Am Ende können Sie ja selbst entscheiden, ob ich getroffen habe oder wie weit es am Ziel vorbeigegangen ist. Sie sind doch ein mündiger Leser oder?

In jedem von uns, der in unserer zivilisierten Welt lebt und seine Zeit in Gestern, Heute und Morgen einteilt, ist der Wunsch vorhanden, es Morgen etwas besser, leichter zu haben. Ich mache da auch keine Ausnahme und genau aus diesem Grund beschäftigt mich dieses Thema seit einigen Jahren. Da ich ein Grenzgänger zwischen dem „zivilisierten Europa“, ich setze es bewußt in Anführungsstriche, wie wir es jeden Tag er-leben, und nicht so ganz weit entwickelten Gebieten war und bin, drängt sich mir bei jeder Heimkehr, die für mich brennende Frage auf, wieviel Wohlstand ist vernünftig, wieviel vertragen wir? Ich erlebe, wie sich immer mehr unsere „Werte“ ausbreiten, einer seelischen Epidemie gleich, und immer größer werdende Gebiete davon erfaßt werden. Scheinbar alle streben danach, so zu leben wie wir und sehen nicht die Auswirkungen, die damit verbunden sind, dessen Ursachen bei uns selbst zu suchen sind. Damit habe ich aber auch schon ausgesprochen, das ich nicht zu den Menschen gehöre, die alle Errungenschaften, die der Mensch in der zurückliegenden Zeit von reichlich 150.000 Jahren seiner Entwicklung, speziell davon in den letzten rund 50 Jahren, gesammelt hat, mit Bausch und Bogen von Tisch wischen will und uns ans Lagerfeuer zurück verbannen möchte. Sie werden auch nicht feststellen, daß ich mit dem virtuellen Federkiel auf Personen zeigen werde, die ich für diese Entwicklung verantwortlich mache. Wir lassen sie jeden Tag auf’s Neue selbst zu und hätten doch die Wahl es anders, vielleicht ein wenig besser, zu machen!

Alles was der Mensch erschaffen, erfunden hat, tat er immer aus dem oben erwähnten Grundsatz. Daher wird es eher eine Reise in die Vergangenheit, um die Ursachen zu erforschen und eine Reise in uns selbst, wie wir sie verarbeiten, werden.

Ich gebe es zu, ich glaube nicht an unseren abendländischen Gott. Aber ich habe mich mit dessen Schriften eine zeitlang intensiv beschäftigt und viele seiner Lebensgrundsätze sind heute für mich Lebensmaxime geworden und stehen scheinbar im krassen Widerspruch zu dem, was mir fast täglich begegnet. Am Anfang, wie für viele „Ungläubige“, hielt ich das älteste Geschichtsbuch unserer Welt für ein wenig oberflächlich und teilweise unlogisch, um es vorsichtig auszudrücken. Später erkannte ich zwischen den Zeilen Bilder, die einen tieferen Sinn ergeben. Geht es uns beim Erlernen einer Sprache nicht auch so, das wir uns am Anfang fragen, wie kann man sich z.B. mit einer andern Grammatik verständigen? Wenn wir dann die Sprache sprechen, erkennen wir den Code und verstehen, was gesprochen wird. Wir müssen feststellen, das nicht das Wort sondern das entstehende Bild sich bei uns einprägt. Keine Sprache kann einen Zustand vollständig erfassen und es sind meist nur leere Worte, wenn Empathie und Gestik fehlen. Heute wird das Fehlen dieser Eigenschaften durch geeignete Bilder gleich von Vornherein ersetzt. Wir erleben ein im Nachhinein gefertigtes Bild, Nach-Richten genannt, die sich nur der Sprache, meist zu viel, bedient, um uns eine Information zu geben, nicht um uns eine Situation, einen Zustand zu erklären.

Worauf will ich hinaus? Keine Sorge, ich werde Sie jetzt nicht mit langen Bibelabhandlungen quälen, steht doch eines der wichtigsten Bilder für mich gleich am Anfang, „die Vertreibung aus dem Paradies“. Es ist schon sonderbar, das dieses Bild am Anfang der Schöpfungsgeschichte auftaucht. Ist es nicht verwunderlich, das wir schon zu Beginn des Buches auf unseren diabolischen Wesenszug aufmerksam gemacht werden? Essen wir nicht jeden Tag Früchte, die uns nicht gehören. Nennen wir nicht Wissen unser Eigen, das andere für uns entdeckt, das wir nur sekundär erworben haben, aber auf dessen Grundlage wir unsere Existenz aufbauen? Schirmen wir nicht gleichzeitig alles Produzierte gegenüber der Umwelt ab, um ein Alleinstellungsmerkmal, einen Markt, für uns zu sichern, der unseren Unterhalt, Wohlstand erzeugen soll? Sind nicht gerade die, die diesen Grundzug am Vortrefflichsten beherrschen, heute die Erfolg-Reichen? Da verwundert es sicherlich auch nicht, das in dieser Personengruppe Eigenschaften wie Loyalität, Ehrlichkeit, Altruismus eher nur unterentwickelt  vorkommen und Kavaliersdelikte nicht selten hart an der Grenze zur Kriminalität liegen, wie es vor kurzem in einer wissenschaftlichen Studie festgestellt wurde. Die Grenzen sind fließend und um so größer der erwartete Gewinn zu sein scheint, um so gröber werden die zugelassenen Mittel. Ein erfolgreicher Pokerspieler stünde, bei gleicher Handlungsweise, immer am Rande zum Gesetzesbruch. Aber wo hört das Spiel auf und wo fängt das reale Leben an?

Wenn wir heute sagen, wir wollen für unser Land, für Europa den Wohlstand sichern, reden wir doch nicht von einer Nation, einem Land, sondern eigentlich nur von einer privilegierten Schicht, die sich auf Grund von günstigen Umständen den Wohlstand leisten kann. Hoffen wir nicht insgeheim, selbst ein bisschen mit dazu zugehören, wenn wir nicht vom Wohlstand betroffen sind? Man muß natürlich auch zugeben, das von diesem reichlich gedeckten Tisch „Ameropa“ so viel herunterfällt, das wir annehmen können zu glauben, wir alle leben im Überfluß? Werden wir aber nicht allzuoft aus dem Paradiese vertrieben, wenn wir die Umstände allzusehr überstrapazieren, sei es materiell oder gesundheitlich?

Unter den heutigen Gegebenheiten kommt ein weiterer Umstand hinzu, der scheinbar die Kausalität zwischen Ursache und Wirkung aufhebt. Wenn heute hierzulande jemand rechts überholt, landen oft andere dafür im Straßengraben. So ist es auch kein Wunder, das diese Grundeinstellung sich auch gedanklich in uns breit gemacht hat. Wir werden für unsere Missetaten nicht unbedingt zwangsläufig verantwortlich gemacht, bestraft. Nehmen wir an! Wir blenden aus Selbsterhaltungstrieb heraus die negativen Bilder einfach aus. Sie betreffen uns ja nicht. Ich wage zu behaupten, ein Großteil der Bevölkerung würde sich nicht anders verhalten, wie die, über die sie sich heute beklagen, weil sie gleichen Wirkungsmechanismen unterworfen wären, vor denen sie momentan noch verschont sind. Warum fällt es uns so schwer, von liebgewonnenen Gewohnheiten, und Wohlstand ist ohne jeden Zweifel eine sehr Hartnäckige, so schwer wieder Abstand zu nehmen?

Wir bezeichnen Krankheit als eine Abweichung vom Normalbefinden oder Normalverhalten, also dem gesunden Zustand eines Wesens (so weit wie man normal begreifbar machen kann) und es hat sich eingebürgert sie auch als „Befindlichkeitsstörung“ zu bezeichnen. Ist das Streben nach mehr, als man zum Leben wirklich benötigt in diesem Sinne nicht auch eine Befindlichkeitsstörung? Seine Ursache ist entwicklungsgeschichtlich klar nachvollziehbar, lag sie doch in den Schwankungen, die bei der Sicherung der Existensgrundlage in unserer Frühgeschichte auftraten. Heute wird soviel produziert, das solche Katastrophen der Geschichte angehören könnten und doch leidet jeder 6. Erdenbewohner unter den Folgen von Nahrungsmittel- und Trinkwasserknappheit. Wenn ich mich abends in mein Bett lege, erinnere ich mich daran, das viele Afrikaner heute immer noch auf dem nackten Boden schlafen müssen. Eine Tatsache, die für uns unvorstellbar ist.

Doch wo fängt diese Befindlichkeitsstörung an und wann sind wir wieder von ihr genesen? Können wir uns bedingungslos allen Umweltveränderungen anpassen ohne krank zu werden? Sind die Übergänge nicht fließend? Betrachtet man den Umstand näher, wird man feststellen, das man erst von einer Krankheit spricht, wenn die Symptome ein gewisses Maß des Unwohlseins, des Grundrauschens, übersteigen. Auch haben wir uns angewöhnt, um vielleicht der Komplexität des Körpers gerecht zu werden, ihn in Bereiche zu zerlegen, die für sich genommen, nicht lebensfähig sind. Da wird am Herzen diagnostiziert, operiert und therapiert, als ob es, dem kalten Herzen des Michels gleich, vor uns in einer Petrischale liegen würde und der Patient schreit innerlich zum Himmel, weil ihn das Herz gebrochen wurde. Da ist es nicht verwunderlich, das ein Patient mit in Angstschweiß gebadeten Füßen von einem Neurologen ernsthaft an einen Hautarzt verwiesen wird, weil er jegliche Verbindung zum Seelenzustand ablehnt, wie es gerade vor Kurzem einem Freund von mir erging, also jede Verbindung zwischen unserem seelischem Befinden und unserem Körper klinisch durchtrennte. Wie soll so ein Mensch gesunden können oder ist es gar nicht gewollt?

Auszug aus dem Essay, der unveröffentlichten Reihe „Realexperiment – Leben“

Den vollständigen Text, wie auch weiter Essays und Erzählungen können Sie hier weiterlesen –>

Advertisements

Über muzungumike

Interesse an internationalen Ereignissen, die wenig oder keine Beachtung in der Medienwelt finden, z.B. reale Entwicklungshilfe, lustige Anekdoten, Länderkunde etc.
Galerie | Dieser Beitrag wurde unter Filosophie, Piratensender abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Ist Wohlstand vielleicht doch eine Krankheit?

  1. muzungumike schreibt:

    Gorbaschow gibt mir Recht, „wir sind alle krank“, hört selbst: http://www.youtube.com/watch?v=lKhGdJRh9-E&feature=BFa&list=PL400EC291DABF43CB

  2. muzungumike schreibt:

    So Tom, nu issa fertsch

  3. tom schreibt:

    Hallo Mike, Willkommen zurück!

    Mit Blick auf die prokapitalistische Attitüde „Wohlstand“ wird immer gerne übersehen, dass auch die ausgebeuteten Länder Teil des kapitalistischen Systems sind.

    Ein wunderbarer Text, der zum Nachdenken anregt, dahingehend das als selbstverständlich Angenommene zu hinterfragen.

    Wer ist Franz K. ?

    • muzungumike schreibt:

      Franz ist eine alte Geschichte und sozusagen mein erstes Pseudonym unter dem ich texte verfasst hatte, den hab ich wieder ausgegraben und benutze ihn als den Schreiber und mzungu als den Sänger. Da komme ich mir nicht so verlassen vor 😉
      Das Thema beschäftigt mich schon seit meiner ersten rückkehr aus Afrika vor nunmehr 11 Jahren. Wenn ich jetzt aus der Ukraine zurückkomme geht es mir ebenso. Ich weiß nicht ob du den Anfang von „Eine Reise in eine vergessene Welt“ schon gelesen hast. Du siehst, zur Ruhe gelegt habe ich mich nicht. Jetzt ist unbedingt auch wieder Kenia dran, aber nach 10 Std. Arbeit, wohlbemerkt harte Arbeit, ist oft die Luft raus, man wird ja nicht jünger. In diesem Sinne com. Mike

Kommentare sind geschlossen.