Sie haben die Wahl oder mit Karamba in den Bundestag

Dieser Beitrag war ursprünglich mal als Kommentar zu einem Artikel bei Martin Bartonitz entstanden und ich nehme mir heraus, diese Position auch hier zur Diskussion zu stellen.

Wie sich doch die Zeiten gewandelt haben. Heute wird öffentlich über den Boykott der Wahlen nachgedacht und die Zahlen der Nichtwähler lassen diesen Trend ja sehr deutlich werden. Von Mehrheiten, ob nun mit oder ohne Überhangmandaten, kann nun wirklich nicht mehr geredet werden. Es ist noch nicht all zu lang her, da wurde mir auch hier unter Bloggern vorgeworfen, das ich die Demokratie gefährde, wenn ich nicht zur Wahl gehe, weil WEIßICH an die Macht kommen könne und das Wahlrecht eine wichtige Errungenschaft der Demokratie sei. Gewiß, gewiß, doch wenn ich kein Programm finde, dessen Ziele ich unterstützen oder wenigstens mit denen ich mich identifizieren kann, was nützt mir dann mein Wahlrecht? Tatsache ist, das zwischen den politischen Programmen, ihrer Umsetzung und der Masse der Bevölkerung riesige Lücken klaffen, die nicht allein nur unsere Politiker, ich will sie damit keines Wegs in Schutz nehmen, denn sie sind ja Mensch wie du und ich, zu verantworten haben. Wie mich dies an alte DDR-Zeiten erinnert. Soweit scheinen die Systeme wirklich nicht auseinander gelegen zu haben. Wie auch, es sind ja die gleichen Menschen, Deutsche halt! Ich war bis auf eine Ausnahme seit 1994 konsequenter Nichtwähler. Diesmal schwanke ich. Ein guter und langjähriger Freund von mir, Dr. Karamba Diaby, könnte als Erster nicht in Deutschland geborener Afrikaner in den Bundestag für die SPD einziehen. Damit wird keine Revolution ausbrechen. Aber ich frage mich, habe ich das Recht, Anderen ihre Form von Demokratie zu verweigern? Heute stelle ich mir die Frage eher anders herum.

 Da der Zeitpunkt wahrscheinlich nicht eintreten wird, in dem der Spruch wahr wird, „stellt Euch vor, es ist Wahl und keiner geht hin“, liegt es doch an uns, lebenswerte Parallelgesellschaften oder Untergliederungen dieser Demokratie zu schaffen, in denen unser common law gelebt werden kann. Keine noch so gute Regierung kann für das ganze Volk ein soziales Netz spinnen, durch dessen Maschen niemand fällt. Sind nicht viele Gesetze und Einrichtungen die erlassen oder geschaffen werden Ausdruck unserer Unmündigkeit? Wir sind das Volk?

 Ich war am Wochenende in zwei völlig unterschiedlichen Gemeinschaften bei Festen eingeladen, an denen ich teilhaben darf und teilweise diese mitgestalte. Dabei hatte ich unter anderem mit einer jungen Dame, die ehemalige Vereinsvorsitzende des Vereins, ein langes Gespräch, in der es um Basisdemokratie ging. Eine zierliche, rothaarige, junge Dame mit Rastalocken hat sehr charmant meinen doch etwas „diktatorischen“, altmodischen Vorstellungen, den Wind aus den Segeln genommen.

Nur weil ich zur Wahl gehe oder nicht, bin ich Wahlvolk oder Nichtwahlvolk? Ich gebe nur in einem Augenblick ein Bekenntnis ab, mehr nicht. Was mache ich sonst in den verbleibenden vier Jahren, reicht arbeiten, essen schlafen aus? Erlaubt es mir darüber hinaus nicht mein Leben nach meinen Prämissen zu leben, zu gestalten, meine Meinung frei zu äußern und mich irren zu dürfen? Wir sollten uns darüber klar sein, das wir bei allem Für und Wider hier in einer sehr komfortablen Situation leben, die so auf der Welt nicht die Regel ist, die nur dadurch gefährdet ist, das wir eher das Leben konsumieren wollen und es nicht leben! Und wie steht es mit unserer Verantwortung gegenüber unserer Umwelt und wo hört sie für uns auf? Das ist aber der Punkt an dem sich die Geister scheiden. Wie viel Prozent nehmen das für sich mit allen Risiken in Kauf, eine sozialere Welt mitzugestalten? Wie viel Kapitalismus lasse ich für mich selbst zu, ist doch die eigentliche Frage. Wenn ich nur nach Jobs mit guten Gehältern schiele und möglichst billig einkaufen will, also den Weg des geringsten Widerstands gehe, muß ich mich nicht aufregen, Rad in diesem Getriebe zu sein, das mich früher oder später zermalmt. Aber haben wir dabei nicht doch eine gewisse Gestaltungsfreiheit, die wir oft ungenutzt lassen, das Leben etwas besser, menschlicher zu gestalten. Nutzen wir nicht die selben Methoden, wenn wir diejenigen kritisieren, die nach unseren Maßstäben auf falschem Kurs sind. Wir nutzen ganz schnell Verallgemeinerungen, weil wir Angst haben festzustellen, der Bänker war ja mein Kumpel aus der Schule oder gar mein Freund. Was ist wenn wir erleben müssen, das dieser Mensch sogar noch ehrenamtlich arbeitet, sich für viele Menschen einbringt, also ein ganz normaler Mensch ist. Wo bleibt dann unser Feindbild, puff und die Seifenblase ist geplatzt. Wie läßt sich das mit unserm Gedankenkonstruktionen vereinbaren? Missionieren wir nicht auch, statt selbst vorzuleben, mit allen unseren Fehlern und Handicaps? Es wird wenig besser, wenn wir es nicht selbst in die Hand nehmen. Dabei wir müssen uns darüber im Klaren sein, das, auch wenn wir es noch so gut meinen, nicht alle unserem Weg folgen werden. Dafür sollten wir Respekt haben, denn es könnte ja auch sein, das wir einer Illusion hinterherlaufen oder uns irren. Wer diesen Respekt aufbringt, wird ihn in den meisten Fällen erwidert bekommen.

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