2. Generation Ost – Erfahrungsberichte – Einleitung

Vor reichlich einem halben Jahr drückte mir ein Freund das Buch „Dritte Generation Ost – Wer sind wir, was wollen wir“ in die Hand. Seit Jahren beschäftigt mich dieses Thema,  die aktive Aufarbeitung der Zeit die viele von uns in der DDR erlebt haben. Wie schwer ein Dialog zu diesem Punkt ist, wird schon in dem Buch deutlich, da eher von einer geschichtlichen oder gesellschaftlichen Sichtweise die Für und Wider gegeneinander vom Standpunkt der persönlichen Freiheit, ohne tiefer in psychologische Beweggründe einzugehen, aufgewogen werden. Doch kann ein Leben in der DDR nur auf diesen Sachverhalt verallgemeinert werden? Diese Darstellung muß oberflächlich bleiben und viele Facetten bleiben unberührt. Für eine wirkliche Aufarbeitung des Alltags ist es sicherlich genau so wichtig die erste und zweite Generation zu befragen, die zwar beim Treffen der 3. Generation mit am Tisch saß, aber kaum öffentlich zu Wort kam. Meine Mail dahingehend an die Initiatoren ist bis heute unbeantwortet geblieben. Bei der Recherche über Berichte meiner Generation zu dieser Thematik, stellte ich jetzt fest, es gibt so gut wie nichts, was nicht in irgendeiner Form in ein Buch gepreßt wurde, sei es als Biographie, Roman oder Krimi. Aber erzählte Alltagserlebnisse, die viel von dem Flair, ohne ostalgisch zu werden, vermitteln, wie sich das Leben abspielte, kommen nur Abschnittsweise, wie z. B. bei Herrn Wolfgang Kohlhaase, „Sommer vorm Balkon“ zum gleichnamigen Film von Andreas Dresen, vor. Fast zum gleichen Zeitpunkt, wie die Gründung der 3. Generation Ost, im Februar 2011, eröffnete ich die Rubrik “ Geschichten aus der DaDaeR“, mit der Geschichte „Randgruppen in der DDR„, die ich hiermit etwas ernsthafter fortsetzen werde.

Es ist aus meiner Sicht ganz wichtig, gerade in der aktuellen Situation des gedanklichen Umbruches, sich der Ereignisse aus dieser Zeit zu erinnern, da sie viele Parallelen zu heute aufzuweisen hat. Viele Menschen, gerade die diesem System nahe standen, leben heute immer noch mit dem Stigma in einem Unrechtsstaat gelebt und nichts dagegen unternommen zu haben, wie es uns Deutschen auch nach dem zweiten Weltkrieg anlastete. Dies sollte so nicht stehen bleiben. Kann ein Staat ein Unrechtsstaat sein oder sind es die Menschen in ihm, die gegen rechtliche Normen verstoßen. „Wer frei ist von jeglichen Fehlern, der werfe den ersten Stein.“ Geschah nicht auf beiden Seiten der Grenze zum gleichen Zeitpunkt Unrecht, haben wir Unrecht seit dem Fall der Mauer ein für alle mal überwunden? Kann man die DDR nur auf das grüne Ampelmännchen, das Sandmännchen, Spreewälder Gurken und die Stasi zusammenkürzen? Diesen Fragen möchte ich hier nachgehen. Nur aus der Sicht von Intellektuellen können diese Fragen auch nicht hinreichend beantwortet werden.

Ich habe in der eigenen Familie das Traumata erlebt, das meine Eltern mit dem Ende des Weltkrieges, der Vertreibung aus der Heimat und der Trennung der Familie in Ost und West ihr ganzes Leben mit sich herum trugen und bis zum Lebensende nur sehr wenig darüber erzählten. Sollen wir dieses Schicksal auch auf uns übertragen und unsere nachfolgenden Generationen, nicht an unserer lebendigen Geschichte teilhaben lassen? Wir leben heute in einer Zeit, in der jeden Augenblick etwas verändert und es kaum einen Fleck auf dieser Welt gibt, wo unser mediales Auge nicht hinsieht, denken wir. Ist das so? Doch hatten nicht gerade die 1. und 2. Generation zur Wende Umbrüche erlebt, wie Wechsel der Arbeitswelt oder Verlust des Umfeldes durch Frühpensionierung, die wesentlich einschneidende Folgen für sie persönlich und ihre Familien hatten.  Bei der Fülle an Nachrichten und Informationen, die auf uns heute einströmen, sind wir dabei unseren historisch determinierten Verstand zu verlieren. Was war gestern, vorgestern, vor einer Woche ? Ich weiß es schon nicht mehr. Wie wichtig sind die Erfahrungen aus der Vergangenheit für Entscheidungen, die heute getroffen werden müssen?

Wer ist die zweite Generation Ost? Es sind alle die Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind und vor 1989 im beruflichen Alltag standen, also etwa die Jahrgänge 1950 bis 1970. Es sind ca. 4 Millionen Menschen, 1989 etwa jeder vierte DDR Bürger. Keine Generation vor uns hat sich auf so viele Veränderungen einstellen müssen, als die Unserige, behaupte ich mal. Ich habe noch Trinkwasser aus dem Graben geholt und rechnen mit dem Rechenschieber gelernt. Bleibt bei all den Neuerungen nicht auch manchmal was auf der Strecke? Ja es bleibt, nicht selten unsere eigene Identität. Wir sehen deutlich die negative Entwicklung, vielerorts die Zerstörung der ländlichen Infrastruktur durch Stadtflucht mit weitreichenden Folgen für die Umwelt, der Verlust an haptischen Fähigkeiten durch einseitige monotone Bewegungsabläufe mit direkten Auswirkungen auf unsere Gesundheit usw. All dies kann nicht der Wende angelastet werden, sondern war auch im Keim schon in der DDR vorhanden. Doch wir haben diesen Umbruch in eine moderne Welt zeitverzögert noch erlebt, der sich auf der anderen Seite der Elbe mit dem Wirtschaftswunder schon eine Generation zuvor abgespielt hatte.

Das ist eine Mamutaufgabe, die ich allein nicht bewältigen kann und will. Es soll ein Gemeinschaftsprojekt der 2. Generation sein, mit unsere Spezifik, um den Ablauf des Geschehens anderen Generationen näher zu bringen und für heute, generationsübergreifend Schlußfolgerungen für die Gegenwart daraus zu ziehen. Es gibt viele Geschichten gibt, die es wert sind weitergeben zu werden. Ich würde mich freuen, wenn ich viele Menschen unserer Generation ob nun aus Ost oder West sich angesprochen fühlen und sich an dieser Aktion beteiligen. Meldet Euch oder sendet mir das Manuskript, das ich dann unter der Rubrik veröffentliche. Dies ist sicherlich nur ein Schritt, unsere Vergangenheit für die heutigen Generationen zu vergegenwärtigen.

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