„Христос воскрес – Christus ist auferstanden“ – Ostern auf russisch orthodox

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Wenn ich mich heute diesem Thema zuwende, dann aus ganz aktuellen Anlaß. Am Sonntag, also morgen, begehen rund 300 Millionen orthodoxe Christen ihr Ostern. Schon an diesem Punkt mußte ich bei meiner Recherche feststellen, das wir viele Wörter benutzen ohne ihren tieferen Sinn zu erfassen. Ging ich bei orthodox eher von streng aus, mußte ich feststellen, das die wörtliche Übersetzung von ortho – gradlinig oder richtig und doxa – Verehrung oder Glaube bedeutet (Wikipedia). Die wörtliche Übersetzung heißt demzufolge „richtige Verehrung“ oder „richtige Lehre“. Da die orthodoxe Kirche direkt von den Anfängen des christlichen Glaubens in Griechenland (Byzanz) ausgeht und nicht den Umweg über Rom machen mußte, ist es nachvollziehbar, das es gradlinig und damit wahrscheinlich auch unverfälschter überliefert ist, ohne damit ein Wertung treffen zu wollen. Wer einmal in einer orthodoxen Kirche war, ist sicherlich von den Dimensionen und seiner prächtigen Ausstattung tief beeindruckt. Oft spüre ich deutlich, das diese Gebäude, ob nun kleine Holzkirche oder Katerale, einen harmonischen Eindruck bei mir hinterläßt, den ich bei vielen Kirchenbauten in Mitteleuropa in dieser Form nicht erlebe. Auf den zweiten Blick erkennt man, wenn man diese Kirchen besucht, die tiefe Hingabe, ja Spiritualität, die viele Gläubigen in ihre Gebete hineinlegen. Dies zeigt sich unter anderem sehr deutlich bei Feierlichkeiten, aber auch in seinen Vorbereitungen. Sie unterscheiden sich nicht nur zeitlich von unserem Osterfest, sondern auch der Charakter ist ein deutlich anderer. Ich will hier nicht auf der Kommerzialisierung rumreiten, die es auch in Rußland, in der Ukraine oder jeden anderen Land gibt, in denen Orthodoxe ihre Feste begehen. Dies ist das Ergebnis, das der Fortschrittes darstellt, in der der Mensch weniger im Zentrum steht, es nicht mehr selbst machen muß, weil er sich vieles erkaufen kann. Es hat mich jeweils tief beeindruckt, ob nun Ostern oder, Weihnacht und der Jahreswechsel, die ich dieses Jahr erleben durfte, wie trotz aller finanziellen Schwierigkeiten, so ein Fest vorbereitet wird und mit wie viel Hingabe die Speisen zubereitet werden. Heute mehr denn je steht jeder selbst vor der Entscheidung, welchen Weg er beschreitet und zu welchen Kompromissen er bereit ist. Ich erlebe auch, quasi zeitversetzt, wie es der nachfolgenden Generation schwerer fällt das Erbe der Tradition aufzunehmen. sie müssen wie wir vor Jahren am ende ihren Weg  und den Zugang selbst finden. So werden heute Zutaten aus dem Магазин (dem Supermarkt) ebenso verwendet, wie Lebensmittel die man selbst im Сад (Garten) oder auf der Дача (Datscha, kleines Gartenhaus mit Garten) angebaut hat. Die Geschichte der Menschheit war immer von dem Widerspruch zwischen Tradition und Fortschritt geprägt. Ohne zu wissen, woher wir kommen, können wir aber die Gegenwart nicht begreifen und erst recht nicht die Zukunft gestalten. Dies wurde mir Anfang des Jahres gerade bei diesen einfachen Handgriffen und den über Generationen überlieferten Rezepten wieder einmal deutlich klar. Vor einigen Jahren war ich selbst teilweise Augenzeuge des Osterfestes. Wie ich jetzt an verschiedenen Stellen lesen konnte, nimmt im Gegensatz zu Westeuropa die Hinwendung zu Traditionen und zum Glauben, gerade auch unter den jüngeren Generationen in Russland stetig zu. Ähnliches kann ich auch für die Ukraine bestätigen. Dies hat sicherlich nichts mit der Hinwendung zu überholten Lebensweisen zu tun, denn viele Menschen sind auch im Osten auf Grund der heutigen Lebensweise in den Städten auf der Suche nach sich selbst und ihrem Sinn und sehen trotz allem Fortschritt im Glauben keinen Widerspruch.

Aber wenden wir uns dem eigentlichen Fest zu. Ostern ist der Höhepunkt im Kalender der orthodoxen Kirche und übertrifft in seiner Schönheit alle anderen orthodoxen Feste. Dies habe ich übernommen, da ich wie gesagt noch nicht alles erleben konnte, aber allein die Ausgestaltung der Kirche hat, die ich am Tag danach, denn Ostermontag gibt es hier genauso wenig wie Karfreitag, mich tief beeindruckt. Im Gegensatz zum traditionellen Weihnachtsfest, wo der Kirchenraum nur sehr spärlich beleuchtet ist, was den Eindruck der Dunkelheit verstärkt, erstrahlt die Kirche durch tausende von Kerzen in einem unbeschreiblichen Glanz.

Zwei Pas’cha mit Kerzen und einem Kulitsch im Hintergrund (Quelle Wikipedia)

Das Datum wird nach dem julianischen Kalender errechnet. Ihm gehen sieben Wochen strenges Fasten voraus, die am Ostersonntag gebrochen wird. An den Vortagen, Donnerstag und Freitag werden zu Hause die Vorbereitungen getroffen. Am Samstag, eine halbe Stunde vor Mitternacht, versammeln sich alle Gläubigen zum Mitternachtsgottesdienst. Die gesamte Kirche und besonders die Ikonostase, die Ikonenwand als Trennwand zwischen dem Kirchenraum und dem Altarraum, ist festlich mit Blumen geschmückt. Im Vorraum, dem Refektorium die dem Kirchenraum auf der Westseite vorgelagert ist, sind meist Tische aufgestellt, auf denen die Gläubigen einen Teil ihrer Osterspeisen ablegen, die während der Liturgie durch die Priester mit Weihwasser gesegnet werden, um dann im Anschluß der Zeremonie daheim zum Fastenbrechen auf die Tische zu gelangen. Im Kirchenraum wird man bis auf wenige Ausnahmen an der Westwand auch während des Gottesdienstes Bänke oder Stühle, die nur für Kranke oder Kinder gedacht sind, vermissen, da der Gottesdienst im Stehen von statten geht. Zu Beginn der Liturgie tragen die Kleriker Ikonen vor dem Zug, allen Gläubigen voran. Mit dem gemeinsamen Gesang „Deine Auferstehung, Christus, Erlöser, besingen die Engel im Himmel; würdige auch uns auf Erden, Dich mit reinem Herzen zu preisen“, in einem Kreuzgang um die Kirche herum, wird Christus geehrt. Nach der Beendigung des Umzuges klopft der Priester an das Kirchentor und verkündet die frohe Botschaft, „Christus ist auferstanden!“ worauf die Gemeinde antwortet, „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Danach vollzieht sich im Gotteshaus die festliche Liturgie, die mehrere Stunden dauern kann. Am frühen Morgen ziehen die Gläubigen oft mit Gesängen dann nach Hause zurück, um die gesegneten Speisen zu verzehren.
Neben dem Пасха (Pas’cha), einer Süßspeise aus Quark, Eiern, Sahne, Zucker und Gewürzen und dem Кули́ч (Kulitsch), einem Hefeteiggebäck mit vielen Eiern und Butter der mit einem Zuckerguß versehen wird sind die traditionell bemalten und gefärbten Ostereier Mittelpunkt des Festes. Alle diese Speisen werden während der Liturgie in der Kirche gesegnet.

russische_ostereierDas Ei hat wie in allen anderen Religionen verschiedene Bedeutung, Neubeginn, Wiedergeburt und so weiter. Im Gegensatz zu unseren Breiten gibt es keinen Osterhasen und die Eier werden weder versteckt noch gesucht. Sie werden Verwandten und Freunden als Geschenk überreicht. Dies erklärt auch die oft kunstvolle Bemalung der Eier, weil man mit dem Geschenk einen Menschen würdigt und auch auf sich aufmerksam machen kann. Einen „Geschenkregen“ wie er bei uns üblich ist zu allen erdenklichen Feierlichkeiten ist hier kaum verbreitet. Es gibt viele Legenden, wie das Ei in diese Tradition kam. Diese gefällt mir persönlich am Besten und scheint, zumindest für mich als Atheisten die plausibelste Erklärung zu sein: „Nach einer russischen Version sind die Ursprünge der Tradition für gefärbte Eier mit den Regeln zur Fastenzeit in der griechisch-orthodoxen Kirche verbunden. Danach dürfen die Menschen in dieser Zeit viele Lebensmittel und auch Eier nicht essen. Um die Eier zu erhalten, wurden sie von den Menschen gekocht. Damit die gekochten Eier nicht mit rohen verwechselt werden konnten, wurden sie vor allem mit natürlichen Farbstoffen eingefärbt. Aus dem dringenden Bedürfnis der Menschen entstand eine Tradition, die bis heute das russische Osterfest begleitet.“ (Quelle) Auf dieser Seite finden Sie auch weitere Legenden und für alle die einfache Rezepturen zum Färben von Eiern finden will, wird dort auch fündig. Sie werden überrascht sein, wie viele Variationen getreu dem Motto, „in Traditionen liegt nicht selten der Schlüssel zur Nachhaltigkeit oder wir müssen das Fahrrad nicht zweimal erfinden“, möglich sind. Zusätzlich gibt es noch wie es der Geldbeutel eben erlaubt Fleisch, das meist in Teig gebacken, Piroggen, serviert wird und Wässerchen. Wer da annimmt, das es immer in eine wilde Sauferei ausartet, den kann ich beruhigen. Es geht in den meisten Familien gesitteter zu, als ich es aus Deutschland kenne. Meine guten Sitten bei Tisch habe ich durch höfliches Ermahnen an russischen Tischen gelernt.
Darüber hinaus gib es noch zwei Bräuche, die ich hier nicht unerwähnt lassen möchte. Es kann ihnen am Ostersonntag passieren (ist mir leider noch nicht geschehen), das sie von einem wildfremden Menschen mit den Worten „похристосоваться“, dass man als „sich im Christus vereinigen“ übersetzen kann, dreimal geküsst werden. Ein weiterer Brauch besteht darin, nach Ostersonntag seinen Angehörigen auf dem Friedhof einen Besuch abzustatten. Die Gräber werden vor Ostern liebevoll mit Blumen, meist aber mit Kunstblumen, sicherlich weil Blumen in den meisten Breiten in diesen Mengen nicht zur Verfügung stehen und so einfach unerschwinglich sind und auch in der Pflege praktischer sind, geschmückt. Soweit gibt es keinen nennenswerten Unterschied. Was ich bemerkenswert, ja gerade zu charmant finde, das die Vorfahren gewisse Opfergaben erhalten. Ein Schälchen Wasser und des Lieblingsgebäck der betroffenen verstorbenen Person. Die Tiere des Waldes werden sich sicherlich, wenn sie sich daran nicht den Magen verderben, nach ihrer notgedrungen Fastenzeit, erfreuen. Wenn der Verstorbene ein Raucher war, wird ihm neben dem Weihrauchstäbchen, noch eine angebrannte Zigarette auf der Schälchen gelegt. Humor haben sie, wirklich in fast jeder Situation, das muß man ihnen lassen, ob sie Russe(in) oder Ukrainer(in) sind.

Erlauben sie mir abschließend noch ein paar Worte:

Sicherlich kann man heute über diese tausendjährige Tradition der Religion im Allgemeinen und der orthodoxen Kirche im Speziellen geteilter Meinung sein und auch darüber, ob es durch wirklich reale geschichtliche Ereignisse belegt ist. Die Kirche war in den Stürmen der Zeit für viele Menschen, ähnlich der biblischen Geschichte Arche eine Zufluchtsstätte:
„Das Gotteshaus ist wahrlich eine Arche der Rettung für die Gläubigen. So wie Noach sich und sein Geschlecht vor den stürmischen Wogen der Sintflut rettete, als er in der Arche Zuflucht fand, so rettet auch die Kirche – gleichsam wie ein Schiff – die Christen vor der Sintflut der Sünden inmitten der stürmischen Wogen des Meeres des Lebens und bringt uns vom Ufer der Finsternis und des Todes zum Ufer des Lichtes und des ewigen Lebens, zum stillen Hafen des Himmelreiches. Deshalb wurden die Gotteshäuser am häufigsten in Form eines Schiffes gebaut, gemäß der apostolischen Tradition „länglich, nach Osten gewandt, mit Säulengängen an beiden Seiten gegen Osten”. Wenn wir von weitem auf eine russische Kirche blicken, so erscheint sie als schneeweißes Schiff mit einem hohen Mast, dem Glockenturm, und mit windgefüllten Segeln, den Kuppeln, ein Schiff, das sich nach Osten hinbewegt, zum Sonnenaufgang, zur Sonne der Wahrheit – Christus, der selbst als „das aufstrahlende Licht aus der Höhe” bezeichnet wird (Lk 1,78).“ (Quelle)
Die Patriarche waren und sind auch immer noch in Machtkämpfe verstrickt und so ist es nicht verwunderlich, das es heute, nach der Unabhängikeit der Ukraine 1991, es drei orthodoxe Kirchen in der Ukraine gibt. Die Russisch Orthodoxe Kirche, die Ukrainische Ortodoxe Kirche Moskauer Patriarchat und die Ukrainische Orthodoxe Kirche Kiewer Patriarchat. Wenn man bedenkt das die Gründung der russisch-orthodoxen Kirche durch den Großfürst der Kiewer Rus, Wladimir I., vollzogen wurde, der im 988 n. Chr. die Taufe empfing, Kiew das Gründungsgebiet der Russen war und die Stadt Kiew bis heute als die Mutter aller russischen Städte gilt, kann ansatzweise verstehen wie undiplomatisch, um nicht sagen zu wollen antirussisch sich Europa als Lakai verhalten hat. Wer sich mit der russischen Geschichte beschäftigt, wird sicherlich auch Zeiten finden in denen Rußland zu dem Land expandiert ist, das wir heute auf der Landkarte wiederfinden. Wenn man aber dem gegenüber aller Versuche der Unterwerfung von der Goldenen Horde bis in die Neuzeit durch Deutschland vor 100 und vor 70 Jahren sich vor Augen hält, muß erkennen, das es die wenigsten Kriege geführt hat, tausend Jahre Erfahrung sammeln mußte, sich zu verteidigen und jede Unterdrückung abgeschüttelt hat. Heute leben in diesem Land viele Völker, die sich in der überwiegenden Zahl in erster Instanz als Russen verstehen, weil diese Sprache sie alle einigt.
Selbst die Sowjetmacht war nicht in der Lage, den Glauben zu unterdrücken. Es gibt viele Geschichten, die dies bestätigen. Die Menschen in der Ukraine, von denen ich nur annähernd sprechen kann, aber ich glaube dies betrifft heute fast alle ehemaligen GUS-Länder, haben auch heute noch ein tiefes Gespür für Gerechtigkeit und sind ebenso zufrieden ihren Glauben wieder offen nachgehen zu können, wie sie andererseits gewisse soziale Errungenschaften heute aufs schmerzlichste vermissen. Sicherlich und dies betrifft auch die aktuelle Situation, ist Armut und Alkohol, der ja meistens eine Begleiterscheinung von Zukunftslosigkeit ist, ein akutes Problem. In Rußland sind auf Grund der Stabilisierung der wirtschaftlichen Situation Großteile der Bevölkerung Kriminalität, Drogenabhängigkeit und Alkoholsucht laut Statistik leicht rückläufig. In der Ukraine und ich rede hier von Westteil der Ukraine nahm die Armut schon im Januar erschreckende Ausmaße an. Kindergelder und Pensionen wurden nur teilweise, verspätet oder gar nicht ausgezahlt. Dies hat zur Folge das sich viele schon nicht mehr zwei Mahlzeiten am Tag leisten können, wenn sie nicht unter der Brücke schlafen wollen. Menschen und da rede ich nicht einmal von der Ostukraine, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben, ziehen in den Großstädten täglich von einer Mülltonne zur nächsten, um etwas Essbares zu finden. Das sind Bilder die wir nicht im TV sehen.
Wenn ich schon bei Bildern bin, fällt mir noch ein letzter Gedanke ein. Auch die Auferstehung Christi ist ein Bild, das auch seinen Betrachter meint. So wie sich alle Ereignisse sich in Zyklen wiederholen, wie auf den Winter, die Zeit der Ruhe und des Innehaltens, des sich Bewustwerdens, der Frühling die Zeit des Erwachens, des Auferstehen folgt, sollten wir auferstehen, um diese Situation zu verändern. Vielleicht ist das Bild der Auferstehung nicht nur ein geschichtlicher Akt gewesen, sondern Anleitung, Vorbild für die Menschen im Erdenrund? „Er ist wahrhaftig auferstanden – wir sollten es ihm gleich tun! – Воистину воскресе, – мы должны сделать то же самое!“

Idee und teilweise Quelle: Osterfest in Rußland

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