Die dunkle Seite der Demokratie

Vor 18 Monaten wurde bekannt, das der Fotokorrespondent der Rossiya Segodnya, Andrej Stenin, in der Südostukraine von Soldaten der ukrainischen Regierungsarmee erschossen wurde. Vor wenigen Monaten wurde ein Bildband mit seinen besten Aufnahmen, insgesamt 168 Fotos, veröffentlicht, die er unter anderem in der Ukraine, dem Libanon, Syrien, Ägypten, der Türkei, Libyen und Kirgisien, aufgenommen hatte. Wie sich doch die Bilder ähneln! Solange wir es für legitim empfinden, dass das Geschäft mit dem Tod von Menschen nicht strafbar ist, werden diese Bilder sich auch für kommende Generationen wiederholen.

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Quelle: http://de.sputniknews.com/bilder/20150806/303671381.html#ixzz3zI3rvkbi

Auch die unteren Bilder sind kein Film, sie sind bittere Realität. Ich war selbst vor wenigen Wochen wieder aus der Ukraine zurückgekommen. Ich war in Westen der Ukraine, genauer gesagt in Zhitomir. Sicherlich unterscheiden sich die Zustände gewaltig und für mich sind die Lebensbedingungen in Donezk und Lugansks nicht vorstellbar. Aber auch die Situation für die überwiegende Bevölkerung im Westen ist auch nicht viel besser und nahe an einer humanitären Katastrophe, nur das die Konveus aus dem Westen ausbleiben. Unsere Regierung unterstützt lieber ein Regime, das sich allen internationalen Vereinbarungen widersetzt. Vor einem Jahr sah ich schon die Rentner jeden Abend bei Dämmerung die Müllbehälter nach Essbaren durchsuchen, nicht einer, nicht zwei, sondern sehr viele. Es ist ein Gefühl der Hilflosigkeit die sich ganz langsam in Wut verwandelt, weil man selbst keine Chance hat etwas zu verändern. Russisch konnte vor einem Jahr noch überall vernommen werden, ist jetzt auf den Straßen verstummt. Dies betrifft nicht nur die russische Sprache, da in dem Gebiet auch Polen und andere Minderheiten anzutreffen sind. Die Front verläuft hier nicht so eindeutig. Eine falsche Bemerkung am ungeeigneten Ort kann hier sofort Repressalien nach sich ziehen. Die Bevölkerung befindet sich hier in einem ohnmächtigen Zustand, da sie nicht verstehen, was sie tun und was sie wirklich glauben sollen.

Arbeit ist kaum noch zu bekommen. Gearbeitet wird, wenn man noch das Glück hat, einen Job zu haben, wenn ein Auftrag vorliegt, das heißt nicht nur, das durch die Preissteigerungen von durchschnittlich 50 Prozent in zwei Jahren die Reallöhne drastisch geschrumpft sind, sondern sie halbieren sich, in diesem mir bekannten Fall, noch, weil mehr wie zwei Wochen nicht gearbeitet wird. Die Zahl der Obdachlosen, weil viele unter den herrschenden Umständen die Miete nicht mehr bezahlen können, und dadurch auch derer, die im letzten Winter Erfrorenen, hat sich drastisch erhöht. Da kann man eigentlich nur von Glück reden, das es so gut wie keinen Winter, bis auf wenige Tage, gab. Vielleicht hat ja Gott doch einmal Erbarmen mit den Ukrainern. Seit dem 1. Januar wird nur noch in Ausnahmen, welche das sein könnten, ist mir schleierhaft, das staatliche Kindergeld gezahlt. Weitere Sozialleistungen vorrangig für Pensionäre wurden ebenfalls abgeschafft, Strom- und Heizkosten haben sich vervielfacht. So sieht Assoziierung in Reinkultur aus. Diese Regierung verweigert nicht nur den Menschen in Donezk und Lugansk ihre Rechte, sondern der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung. Sie haben, nein, sie sind nicht erst seit 2004 Marionetten wirtschaftlicher Schaltzentralen in Deutschland und Amerika. Es ist nicht nur das hegemoniale Bestreben gegen Russland, es ist im gleichen Atemzug eine Zerstörung sozialer Strukturen in der Ukraine und jetzt in Europa. Nur die Szenarien sind verschieden, in der Ukraine hat man sich der Nationalisten bedient.

Sicher glauben die meisten, die sich mit den Ereignissen in der Ukraine befassen, das dieser Prozeß erst vor wenigen Jahren begann, sowie ich bis vor einigen Jahren auch. Dies ist aber nicht so. Die Ukraine war seit dem 2. Weltkrieg immer auch Spielball der hegemonialen, expansiven Bestrebungen Europas, „Hintergrund-Analyse: CIA-Proxy-War in der Ukraine seit 1945“, gewesen.  Viele werden sich fragen, was hat das Wirken von Stepan Bandera mit den heutigen Ereignissen zu tun? So heldenhaft hat er gar nicht gekämpft. Er war an Pogromen beteiligt und wurde selbst von den Faschisten in Sachsenhausen eingesperrt, nachdem er seine Schuldigkeit getan hatte. Er wurde nach den Krieg in der damaligen Sowjetunion für seine Verbrechen in Abwesenheit zu Tode verurteilt. Er war bis dahin mehr Symbolfigur, da seine Verbrechen sich auf die Vorkriegszeit und das erste Kriegsjahr beschränken. Aber die Bewegung OUN/B und UPA unter seiner Führung hörte mit ihrer Tätigkeit nicht 1945 auf. Die Zusammenarbeit Banderas und seiner Gleichgesinnten, viele Kriegsverbrecher, mit der CIA, Organisation Gehlen und später dem BND, wie durch veröffentlichte geheime Unterlagen der CIA belegt ist, war ein wichtiges Bindeglied für den Guerillakrieg, der noch bis Mitte der 50-Jahre im Osten der Ukraine tobte und über 30.000 Zivilsten den Tod brachte. Das Ziel bestand darin, die Ukraine zu destabilisieren. Wie sich auch hier die Bilde gleichen. Die Spur führte in die Zeppelinstraße 67 in keiner anderen Stadt als München, wo die Schaltzentrale der ukrainischen Exilnationalisten sich befand, die bis in die 80-Jahre wirkte. Der BND als Hauptpartner der Bewegungen OUN/B, der Ukrainischen Aufstandsarmee und anderer Organisationen, ist bis heute nicht bereit, ihre Dokumente offen zu legen. Es tun sich Parallelen zu Gladio auf. Wir sollten aufhören zu glauben, das hinter allem, was gegen Russland gerichtet ist, nur die USA oder das NATO-Kommando steht. Dieses Land hat seinen Bodensatz an Revanchismus und Nationalismus genauso wenig beseitigt, weder im Osten (z.B. Sachsen) noch im Westen, wie es gerade dieses Kapitel belegt.

Ich habe in der Ukraine viele Gespräche geführt und wenn ich sie auf diese Tatsachen aufmerksam mache, verstehen sie es einfach nicht. Es ist verständlich das viele von ihnen nach Jahrzehnten der Stagnation den Häschern auf den Leim gegangen sind. Viel zu schön war die Hoffnung, bald visafrei nach Deutschland reisen zu können. Den Preis den sie dafür aber zahlen müssen, war ihnen nicht bewußt. Es gehört jetzt in den Gesprächen viel Fingerspitzengefühl dazu, denn viel, mit denen ich sprach, sehen ihre Fehlentscheidung jetzt, nur wissen sie jetzt keinen Ausweg. Das macht die Situation so schwierig.

Das Töten geht in der Ukraine fast unvermindert weiter. Auf dem ehemaligen Soldatenfreidhof der Roten Armee in Zhitomir, auf dem die Gefallenenaus dem Großen Vaterländischem Krieg bis heute ruhen und immer noch durch die Bevölkerung geehrt werden, dient heute noch als Offiziersfriedhof. Es ist schon grotesk in unmittelbarer Nähe des unbekannten Soldaten der Roten Armee liegen heute die Kommandeure der Regierungstruppen und Freiwilligen Bataillone, die im Kampf gegen die Aufständischen im Donbass gefallen sind. Die Einschläge sind auch hier viele Kilometer von der Front entfernt noch spürbar. Es sind nicht die Explosionen der Granaten, es ist die Stille des Todes, wenn ein aus dem Leben Geschiedener seine letzte Ruhestätte findet, die für die Hinterbliebenen nicht weniger schmerzlich ist. Nicht jeder war Nationalist oder Faschist aber alle hatten eine Familie, für die sie unwiederbringlich verloren sind.

Auf dem ersten Bild sind die 100 Helden die für die ukrainische Nationalstaat im Osten des Landes 2014 gefallen sind. Weitere Fotos zeigen, die Gräber auf dem Friedhof und wie selbst die Toten noch zu Propaganda benutzt werden.

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„Ewige Erinnerung an die hundert Helden des Himmels“ / Foto copyr. M. Schmidt

 

 

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Eine Antwort zu Die dunkle Seite der Demokratie

  1. muzungumike schreibt:

    Das war die Außenansicht hier schon mal was zur Innenansicht
    http://vineyardsaker.de/analyse/die-grosse-falle/

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